Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie Wasser – – – – –
»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen – – –«
Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte – alles. – –
* * *
Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann wurde ihr das klar.
Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen wollte?
Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.
Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt – jetzt erkannte sie es – –
Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof – –? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!
Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.