Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr anzufeuern – ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! – Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer – war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem Blick hinaus – – draußen stand die See und hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und sah dann auf einmal – Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.