Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an – ihre Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb – warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes gekommen – – –?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm – er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht schätzen, das er besaß – wegen des einen, das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler unter Glas – der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß – es war ihm vielleicht – noch mehr – zugefallen. Was wußte sie denn – – –?