Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. – – –
Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war sie selber.
Und Ludwig kam.
Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil sie ihn verstand.
Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.
Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten Gesichter – war einer von ihrem Blut dabei?
Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu wissen.
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Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.
Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam das Lernen in Gang.