Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr – es war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.
Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war – sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.
Sie wollte Mensch sein, wie er, und – schaffen.
Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein wenig Verehrer wurde.
Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!
Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war – sie hatte es ganz vergessen.
Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.
Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.
Die Herren wurden aber befriedigt.
Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.