Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.
* * *
Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.
Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.
Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.
Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an und dachte von neuem an jene Verse. – Warum war Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung eine – Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.
Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und – Einsamkeit.
Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.
Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.
Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.