In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.
Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.
Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater Pastor war.
Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie war.
Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie schuf.
Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.
Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.
Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie einen Sommer erlebten.
Sie tasteten an die Welträtsel.
Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war übrig.