Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität – alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher – es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk –!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die gleichen Lieder kämen.