Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste war in seiner Wirkung gleich.
Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.
Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und würde dann alles wissen – – – – – –
Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.
Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.
* * *
Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg im Siege!
Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.
In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und beobachtete mancherlei.
Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war darin glücklich.