Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr – hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

Damals. Jetzt – –? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues Wesen schuf. Sie – als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen –! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs Augen!

Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals geritten war.

Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!

Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.

Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und Woche um Woche.