Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das noch kommen mußte. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die darum gewachsen waren. Sie konnte fort.
Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.
Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.
Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.
Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer Schulreformbücher.
So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.
Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem männlichen Leiter.
* * *
Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.
Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte, auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.