Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle, rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich, worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.
Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.
Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu. Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war, als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des Lehrerinnenkollegiums begrüßte.
Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf festem Boden und verstand.
Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt, und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals, stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den Landesherrn, zu.
Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral. Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.
Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der dich auf Adlersflügeln sicher geleitet –‹
Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.
Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte Christiane.
Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.