Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht, im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man ›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer Seite verschwand.
Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.
Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.
Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt. Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.
Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es ja Menschenpflicht – –
Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.
Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten, sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.
Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und ließen nicht einen Winkel undurchspäht.
Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich, nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend ans Herz gelegt hatten.
Es war still.