Am späten Nachmittag ging sie fort. Vor dem Hause warf sie noch einen Blick zurück. Wie gut es aussah, gar nicht schulmäßig!

Dann kam sie in die Stadt. Seit hundert und mehr Jahren war kein bedeutender Künstler in ihr gewesen, was an guten Bauwerken da war, hatte ein graues Alter und war teilweis im Abbruch. Was neu war, war handwerkerlich, was eben wurde, war es noch mehr. Ziemlich im ältesten Teil der Stadt lag das ehemalige Cistercienserkloster, das nun Regierungsgebäude und mit der Geschichte der Stadt und der Provinz eng verknüpft war. Viele preußische Könige hatten darin geweilt, von Friedrich dem Großen erzählte man sich ganze Legenden, und Blücher sollte sich an seinen Steinstufen den Säbel gewetzt haben. Vor hundert Jahren war der Klostergraben mit Gefallenen bis zum Rand gefüllt gewesen.

Bald hinter dem Kloster begannen die Anlagen, die in den Stadtpark ausliefen. Hier waren die Kindermädchen mit den Babies, hier passierten die Damen, wenn sie von ihren Kränzchen kamen, hier trieben die Backfische und Jünglinge ihren grünen Flirt. Es gab auch abgelegenere Gegenden darin, Winkel, in denen geküßt wurde. Ein paar Sportplätze begrenzten den Park, der gute Baumbestände und die Schönheit solcher kleinstädtischer Anlagen hatte.

Christiane eilte rasch hindurch. Schon als Kind hatte sie ihn nicht gemocht, wie alles, was Massenfreude war.

Draußen hinter dem Krähenteich, an dem sich die Pensionäre der Stadt mit Angeln zu unterhalten pflegten, begann der Wald.

Die Markburger machten sich nichts aus ihm. Sie hatten ihre Vereine und Kaffeekränzchen. Nur ein paar schulmeisterliche Naturheilapostel oder ein paar Brunnentrinker kannten seine Wege. Übrigens war er nicht mehr städtisches Gebiet, sondern gehörte den – Rhanes. Weiter oben, hinter dem Forsthaus, konnte man das Schloß bei klarem Wetter wie ein blasses Schattenbild am Himmel sehen.

Christiane schaute auf die Stadt zurück. Eine rechte Heimat war sie ihr nicht, denn als Soldatentochter war sie kreuz und quer durch Deutschland gezogen und hatte überall ein Stücklein Kindererinnerung gelassen.

Bald kam der Weg, den Christiane besonders liebte. Als eine schmale, leicht steigende Allee zog er sich, von starken Tannen eingefaßt, dahin, und hinter ihm stand der Wald mit Eichen und Buchen. Der Boden war mit roten, vorjährigen Blättern überstreut. Das Laub war noch voll und unversehrt, aber schon über manche Sommerglut hinaus.

Christiane blieb stehen. Ein Rollen zog durch die Wipfel – das war Donner. Das frühe Dämmern eines Waldgewitters senkte sich, die Schwüle verstärkte sich – dicht über den Wipfeln schien es zu stehen! Da zuckte es – wieder ein Zucken, wieder ein Donner – es war da!

Christianens Herz jauchzte auf. Traumhaft starrte sie in das schöne Waldabenteuer, das ihr allein gehörte. Kein Mensch, keine Stimme, kein Knistern. Kein Vogel rührte sich. Und doch war das Leben nie stärker, leidenschaftlicher und jauchzender, als wenn es so flammte und schlug! Wie die Feuer zogen und zuckten, da um den Wipfel einer Riesenbuche tanzten, dort an den Stämmen hinabliefen, da einen fernen Grund bläulich erhellten – wie sie sich unerbittlich kreuzten wie Degen und fauchend über dem Wald zusammenschlugen – das war schön! Irgend etwas in Christianens Seele war dabei, tat mit.