Es gab welche, die sich nichts aus ihrer Ungnade machten.

Da war die blonde Mai Friedlein.

Sie kam erst nach der Oberlehrerin mit einem leisen Rauschen und der ganzen köstlichen Frische ihrer rosenroten Schönheit herein. Es hieß, sie sei schon dreißig Jahre, aber genau konnte man es nicht nachrechnen.

Ihr hatte man es nicht an der Wiege gesungen, daß sie Schulmeisterin werden würde. Es kam erst mit dem Krach. Ihr Vater war Direktor einer großen schlesischen Aktiengesellschaft gewesen – jetzt lag er schwerkrank in einem kleinen Nest in der Nähe und hatte eine Agentur. Mai war damals verlobt gewesen. Ihr Bräutigam war aber mit dem Krach verstrickt und ging nach Amerika. Von dort schickte er noch ein paar Gedichte. Sonst nichts mehr.

Mai hoffte noch immer auf eine gute Partie.

Die Lehrerin Dorette Jong war ihre vertraute Freundin und Beschützerin und eine zähe Gegnerin der Haberkorn. Sie war dünn und ein bißchen verbräunt, so daß man den Eindruck hatte, als ob sie an einem langen und sehr heißen Sommertag draußen vergessen worden sei. Indessen wirkte sie nicht unangenehm. Um ihre dunklen Finkenaugen hockten Lachfältchen.

Ihre Nachbarin Fräulein Seifert war sehr dick und groß, aber von einer unangenehmen, klebrigen Art. Sie war sehr musterhaft und vortrefflich, und ihre besondere Eigenheit war, daß sie niemals fror oder schwitzte. Diese physiologische Merkwürdigkeit pflegte sie den jungen Anfängerinnen und den Schülerinnen fortwährend zur Nachahmung zu empfehlen.

Jetzt huschten ihre schlauen Blicke ihrer Freundin Haberkorn entgegen, gespannt, was die als Morgengruß sagen würde. Die Laune der Oberlehrerin war immer zunächst davon abhängig, wie sie in der Nacht geschlafen hatte, heute aber fegte wohl noch etwas anderes darein, denn es war der erste Amtstag des Fräulein Doktors.

Sie wußte genau, weshalb alle sie so anguckten, und lächelte süß.

Huldreich nickte sie zwei kleinen Praktikantinnen entgegen, die sich bescheiden in der Ecke hielten, aber doch aufmerksam und heimlich quietschvergnügt beobachteten. Sie hießen ›die Kanarienvögel‹.