Christiane nahm kurzen hastigen Abschied von Ludwig.
Als sie durch den Garten ging, hörte sie das stuckernde, ungelenke Klavierspiel des Kindes.
* * *
Heute waren die Damen der Sophie-Reutterschule fast alle eine Viertelstunde eher gekommen.
Eben trat die Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, in das Lehrerinnenzimmer, und die Unterhaltung verstummte im Augenblick.
Das Fräulein war das gewohnt. Es kannte seine Kolleginnen, wie die es kannten.
Sie konnte sie alle nicht leiden, aber am wenigsten die, die gut aussahen. Halb toll konnte es sie innerlich machen, wenn eine eine besonders schöne Bluse oder hübsche Schleife angesteckt hatte. Dann suchte und suchte sie unbewußt, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatte, um sie zu ärgern. Sie hatte schon junge Damen aus der Schule herausgebracht, weil sie ihre Erscheinung nicht vertrug. Beim alten Direktor war sie neben Professor Diermann allmächtig gewesen.
Die klugen jungen Lehrerinnen verfehlten daher nicht, sie auch in bezug auf Toilettesachen um ihren Rat zu fragen. Dann wurde sie am ehesten mit einem neuen Kleide versöhnt.
Fräulein Haberkorn war mutterlos aufgewachsen, vom Vater früh ins Seminar gesteckt worden und hatte dann das Wanderleben gehabt, das viele Lehrerinnen durchmachen. Aber niemals war ihr etwas Freundliches begegnet. Kein bißchen Liebe war über sie hingegangen, keiner hatte sie gestreichelt, keiner geküßt, keinem Menschen war sie zum Leben nötig gewesen. Sie war in der Welt übrig.
Ihr ganzer Ehrgeiz hatte sich auf ihre Laufbahn gerichtet, und sie war schließlich, ohne besondere Examina, so weit nach oben gekommen, wie sie es in der kleinen Stadt konnte. Und nun übte sie einen ständigen Druck auf die aus, die nach ihrer Meinung mehr hatten, als sie.