Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft kräftig vergessen.

»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge; sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie. »Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren –? Ich nehme an, daß Sie von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist, war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«

»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«

»Nun – das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube. Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn von Wratislawski zu gewinnen – er soll uns über die Reichsverfassung belehren.«

Christiane hob den Kopf. »Sie nennen sich moderne Frauen?«

»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen. Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei. Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen Gesundheit.«

Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem Schmachten niedergeschlagen waren.

So, tat sie das?

»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,« sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt gedacht, die da – arbeiten? Die also praktische oder – ich will lieber sagen – unbewußte Frauenrechtlerinnen sind –?«

»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«