»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr Brot verdienen.«
»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«
»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat, vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus, die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die modernen Markburger Damen ein wenig helfen –«
Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu. Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.
»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach Christiane, »allerdings keine – Wohltätigkeit.«
»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.
»Sie arbeiten,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest anblickte.
»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte, wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.
Ratlos sah sie sich um.
»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander ist auf die Dauer doch recht einseitig.«