»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken beteiligen.«
»Verzeihen Sie, gnädige Frau – ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem strengen Schaffen noch nach – Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas Geselligkeit und Freude – Erholung –! Grade da müßten sich Ihre Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,« fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt wird.«
Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll Hochmut ringsum.
»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht, nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu wirklich fehlen ...«
Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der Reichsverfassung zu bearbeiten.
* * *
Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.
»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest –«
»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig, glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein gegangen bin?«
Er sagte nichts.