»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen verachten.« Sie lachte.

Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben erhellte sich Hardis Schlafzimmer.

Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.

Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen. Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem Zeitvertreib machten – ach, da gab es keinen Vergleich – –!

Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des Lebens, so wie es für sie war!

Er schritt müde, gebeugt.

An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen – wir wandern aneinander vorbei.

Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht mehr. Es mußte alles so sein. Aber – ich brauche ihn nicht mehr.

Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom Waldduft umweht.

»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens das habe,« sagte sie lebhaft, »eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein Heim, auf alles selber Erworbene – immer wieder schaue und staune ich – es ist so schön!«