Der Thürsteher, der einige Zeit stumm vor Entzücken auf die blendende Frauenerscheinung gesehen, riß jetzt dienstbeflissen die Thürflügel auf und lud sie zum Eintritte ein. Mechanisch folgte ihm Zerline in's Wartezimmer. Hier bat er sie, sich zu gedulden, bis er ihre Ankunft gemeldet haben werde, und entfernte sich unter zahllosen Bücklingen.

Vom Schrecken beherrscht fiel Zerline ermattet auf einen Sitz nieder. Dann ließ sie ihr Auge im Raume umherschweifen. Das Zimmer war einfach und prunklos, sah aber ganz wohnlich aus. Auch das vergitterte Fenster erschien von innen nicht so abschreckend, und die Aussicht in den Park war trotz des trüben, regnerischen Wetters nicht ohne Reiz. Zerline begann sich allmälig zu beruhigen. Sie erhob sich dann von ihrem Sitze und näherte sich einem Spiegel, um da eine losgegangene Locke ihrer Frisur zu befestigen. Eben hatte sie sich des widerspänstigen Löckchens bemächtigt, als zwei Männer in die Stube traten.

Die Neueingetretenen blieben beim Anblicke Zerlinens überrascht stehen. Sie wurden gleich dem Thürsteher vom mächtigen Zuge der Bewunderung fortgerissen, blieben aber nicht stumm, sondern stießen ein lautes »Ach!« des Entzückens aus.

Ein Lächeln des Triumphes kräuselte die Lippen Zerlinens. Mit dem ersten Blicke hatte sie den Feind bezwungen, den starren, unzugänglichen Leiter der Anstalt. Dies war er ja doch, der großgewachsene Mann mit wallendem Bart und Haupthaar, und sein Begleiter war sicherlich der Doctor, der dem Director in der Krankenpflege treulich zur Seite stand. Also dachte die Siegesgewisse und wollte auch im Bewußtsein ihrer Macht recht bald ihr Incognito fallen lassen; als Zerline und nicht als Fräulein Doctor sollte er sie durch die Räume der Anstalt führen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch bald als trügerisch, denn der stattliche Mann mit wallendem Bart und Haupthaar stellte sich ihr als Graf Roller vor, sein Begleiter war der Oberwärter der Anstalt.

Der Letztere entschuldigte den Director, der durch Krankheit verhindert sei, Fräulein Doctor zu empfangen. Der Doctor der Herrenabtheilung müsse den Director in der Kanzlei vertreten, berichtete er, und der Doctor der Frauenabtheilung sei zu einer Patientin gefahren. Wenn Fräulein Doctor seine Rückkehr nicht abwarten wolle, so könnte sie sich getrost der Führung des Grafen Roller anvertrauen. Der Herr Graf sei in der ärztlichen Kunst bewandert und werde ihr alles Interessante in der Anstalt vorführen, fügte er zum Schlusse bei.

Der Graf ermangelte nicht, sich mit der Artigkeit eines feinen Weltmannes der schönen Besucherin zur Verfügung zu stellen, und Zerline nahm mit einem verführerischen Lächeln sein Anerbieten an. Vom Grafen geleitet schritt sie durch eine helle, geräumige Vorflur einer steinernen Treppe zu.

»Meiner Ansicht nach vermögen solch' äußerliche Anschauungen nur wenig die functionellen Störungen zu beleuchten,« begann der Graf seine Ansprache zu dem vermeintlichen Fräulein Doctor. »Ich halte ähnliche Beobachtungen für einen angehenden Arzt nicht für hinlänglich. Das vornehmste Lehrbuch ist der Cadaver. Nur anatomische Befunde und zumeist nach frischen Fällen gewonnene Befunde können dem Arzt Einblick in den Proceß gewähren. Dies ist meine Ansicht. Wohl meint die moderne Psychiatrie, daß wir im Vorderhirn die diagnosticirbaren, auffallenden Formen anatomischer Veränderungen noch im Leben vorfinden, sie behauptet sogar, daß der äußere Verlaufsproceß nur eine Spiegelung des inneren Processes sei, ich aber verfechte unerschrocken meine Ansicht, daß ohne den Befund im Cadaver die Wissenschaft im Finstern tappen muß.« Hier unterbrach er seinen gelehrten Discurs. Sie waren bei einer Thüre angelangt, welche ein Wärter von innen geräuschlos öffnete und wieder schloß. Sie traten in einen hohen, hallenden Corridor.

Zerlinen war es seltsam zu Muthe. Schon der Anblick dieser Räume, die so viel menschliches Elend bergen sollten, machte ihr das Herz schwer. Ringsum herrschte eine tiefe, grabähnliche Stille, die nur von ihren und ihres Begleiters Schritten, welche im steingepflasterten Corridor laut wiederhallten, unterbrochen wurde. Um ihre Bangigkeit noch zu steigern, sprach der Graf ein gelehrtes Kauderwelsch, von dem sie kein Wort verstand. Nur das Eine meinte sie zu verstehen, daß er sie aufforderte, fleißig in Leichen herumzuwühlen.

Hu, der Gedanke an dies Schreckliche machte ihre Füßchen schwach bis zum Umfallen. Jetzt kroch wieder die Furcht wie ein Alp an sie heran und rief ihr alle die schrecklichen Geschichten, die ihr Mizi von der Gefährlichkeit, von der Tobsucht und der Raserei der Wahnsinnigen erzählt hatte, in's Gedächtniß zurück. Bald brachte jedoch die Sucht zu glänzen, welche Zerline als den Drang, sich auf die wahre Höhe der tragischen Kunst emporzuschwingen ansah, die Einflüsterungen der Furcht zum Schweigen. Ja sie wollte unerschrocken das Entsetzliche von Angesicht zu Angesicht schauen, sie wollte allen Gefahren trotzen, um dann durch ihren meisterhaft gespielten Wahnsinn alle Rivalinnen vor Neid wahnsinnig zu machen. Mit dem Panzer dieses menschenfreundlichen Wollens umgürtet betrat sie den Conversationssaal der Herrenabtheilung.

Sie sah neugierig und mit nicht geringem Herzklopfen umher. Dies war kein mit Eisengitter umgebener Käfig, wie die Schauermärchen Mizis die Räume einer Irrenanstalt schilderten, und auch die Personen, die sie da gewahrte, hatten keine Aehnlichkeit mit den gefürchteten Schreckbildern aufzuweisen. Etwa ein Dutzend Männer saßen auf Stühlen und studirten eifrig die Journale, Andere hatten sich um einen mit Nachdruck sprechenden Priester gruppirt und lauschten aufmerksam seinen Worten.