»Dies sind Patienten, mit Melancholie, mit Manie und mit Stupor behaftet,« erklärte der Graf dem vermeintlichen Arzt. »Wenn Sie den Reden der Patienten Aufmerksamkeit schenken wollen, dann werden Sie einsehen, wie wenig die äußerliche Anschauung die functionellen Störungen im Innern zu veranschaulichen vermag.«

Zerline nickte bestätigend mit dem Kopfe. Auf andere Weise wußte sie ihrem gelehrten Führer keine Antwort zu geben. Was begriff sie von functionellen Störungen und von Stupor und Manie? Bei ihren Anbetern hatte sie wohl stark ausgesprochene Symptome von Verwirrtheit und Imbecillität gesehen, aber es genügte ihr zu wissen, daß sie die Ursache und Veranlassung dieser Erscheinungen war, mit der Lehre von den Krankheiten und ihren verschiedenen Gattungen und Arten hatte sie sich nicht befaßt. Von dem gelehrten Unsinn des Grafen verstand sie eben nicht mehr als ihr Schooßhündchen Zara, wenn sie ihm eine ihrer Rollen vordeclamirte, sie athmete erleichtert auf, als der Graf sie zu einem Sitze führte und sich dann zu der Gruppe gesellte, die den Priester umgab.

»Die moderne Philosophie umnebelt den Kopf der rohen Masse,« sprach der Priester gerade, als der Graf herzutrat. »Sie demoralisirt das Volk durch die Zerstörung aller alten Einrichtungen, sie entwurzelt den Glauben an eine ewige, rächende und richtende Gottheit, an ein Jenseits, an eine Unsterblichkeit, sie führt die Herrschaft der rohen Materie ein, sie schmäht und verspottet die Zeit, in welcher die heilige Kirche die Teufel aus der Menschenbrust vertrieb. Wohin, frage ich, kann und soll dies führen, wenn nicht zur Herrschaft des Verbrechens und zur totalen Auflösung aller menschlichen und gesetzlichen Bande? Vermögen all' die subtilen Verstandestheorien der Apostel des Unglaubens, vermag all' ihr sophistischer Wortprunk den Glauben, dieses Himmelslicht, zu ersetzen? Wodurch wollt Ihr die Menschheit für das ihr geraubte Kleinod schadlos halten, für das göttliche Geschenk, das den Erdensohn im Glücke vor Uebermuth bewahrt und im Unglücke vor Verzweiflung schützt?«

Diese Worte waren an einen ältlichen Mann gerichtet, der dem Priester gegenüberstand und der leidenschaftlichen Rede desselben mit kalter Ruhe zuhörte.

»Durch das Bewußtsein, daß Moral und Sittlichkeit nicht erst der Ausfluß einer geoffenbarten Religion sein müssen, denken wir das Verlorene zu ersetzen,« erwiederte der Gefragte. »Wir wollen beweisen, daß nicht in den rohen, materiellen Gefühlen des Fürchtens und Hoffens auf Vergeltung der wahre, edle Kern der Moral liege, sondern daß er in der geistigen Veredlung, in der Entwicklung des Rechtsgefühls, in der Unabhängigkeit und in der Scheu vor jedem unredlichen Beginnen zu suchen und zu finden sei. Die Menschheit lebt, wie Euer Heiligkeit richtig bemerkten, in einem materiellen Zeitalter, in welchem Hypothesen nicht mehr genügen, die nüchterne Menschheit verlangt jetzt Axiome. Gebt ihr solche, und sie wird wieder ihre Knie vor der Kirche beugen und auch ihr Geist wird anbetend vor Euch niederfallen.«

Der Priester maß ihn mit finsteren Blicken und erwiederte dann mit grollender Stimme:

»Wo die Ueberzeugung, da ist kein Glaube mehr. Wie die Vernunft so vermessen wird, mit dem Secirmesser der kalten Berechnung den Glauben zergliedern zu wollen, da kehrt dieser zum göttlichen Spender zurück, und der ruchlose Anatom sucht ihn vergebens im zerfleischten Cadaver.«

»Der Befund im Cadaver muß der einzig richtige Leitfaden für den Forscher sein,« mischte sich nun Graf Roller in den Disput.

»Der denkende Mensch will keinen blinden Glauben, er will Wahrheit, und zur Wahrheit kann man nur durch Forschen und Wissen, nur durch Aufklärung gelangen,« behauptete ein Mann mit blassen, melancholischen Zügen. »Mag die Wahrheit noch so grauenvoll sein, der denkende Mensch wird sie immer der lieblichsten Selbsttäuschung vorziehen.«

»Die Corruption und all' das scheußliche Heer der Sünden hat Eure gepriesene Aufklärung der Menschheit gebracht,« schrie der Priester, dessen Augen jetzt wie zwei sprühende Feuerräder rollten. »Ihr bläht Euch mit der Vernunft, mit dem Wissen und bleibt doch bei jedem Schritt und Tritt vor unauflöslichen Problemen stehen. Mit frecher Stirn nennt Ihr sogar das Gehirn Erzeugungsorgan der Seele, trotzdem Euch nicht mehr als die äußere Anatomie der Form davon bekannt ist. Gesteht doch einer Eurer mächtigsten Herrscher auf dem Gebiete des Wissens, daß die Anatomie des inneren Baues des Gehirnes für immerdar ein mit sieben Siegeln geschlossenes und noch dazu in Hieroglyphen geschriebenes Buch ist.«