»Meine Herren, ruhig mögt Ihr nach Herzenslust plaudern, nur nicht das Blut erhitzen,« ermahnte ein Wärter.

Zerline war dem Disput mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Sie vermochte es kaum zu glauben, daß sie Pensionäre der Irrenanstalt reden hörte. Was ihr Interesse noch steigerte, war, daß sie in dem jungen, schönen Priester den Fastenprediger erkannte, dessen Reden sie stundenlang in lautloser Verzückung zu lauschen pflegte. Nach den rauschenden Freuden des Carnevals war es für sie eine gruselnde Wollust gewesen, von dem schönen Prediger die Pein, die der Sünder im Reiche Satans harrte, mit glühender Beredsamkeit schildern zu hören. Sie konnte das Auge von ihm nicht abwenden. Wenn er sprach, belebte sich das starre, bleiche Antlitz und sein dunkles Auge glühte und der Körper bebte und jede Muskel zuckte. Er war schön, der bleiche Priester, so schön, daß Zerline in seinem Anblick versunken den eigentlichen Zweck ihres Besuches in der Anstalt vergaß und den Grafen, der sie zum Weitergehen aufforderte, ersuchte, bis zur Beendigung des Disputes zu bleiben.

»Der Priester laborirt an jener chronischen Seelenstörung, die wir partielle Verrücktheit nennen,« flüsterte ihr der Graf zu. »Er ist im Wahne, der heilige Vater zu sein und schleudert als kirchliches Oberhaupt alle seine Blitze gegen die Pionniere der Aufklärung. Im steten Kampfe ist er mit diesem Patienten.« Er bezeichnete den ältlichen Mann, der dem Priester kampfbereit gegenüberstand. »Dieser, im Wahne der Zeitgeist zu sein, sucht seinerseits jedes Bollwerk gegen Forschung und Wissen darniederzureißen und steht dem Fanatiker feindlich gegenüber.«

Die Irren hatten ihren Wortkampf wieder aufgenommen.

»Die Wissenschaft gesteht mit ehrlicher Offenheit ihre Ohnmacht, manches Problem zu lösen, und fordert dadurch die Menschheit zu noch angestrengterem Forschen auf,« sprach der Widersacher des Priesters mit leidenschaftsloser Ruhe.

»Die Forschung ist die Pforte zur Wahrheit und das Wissen ist ihr Tempel,« ließ sich der Irre mit den bleichen, melancholischen Zügen wieder vernehmen. »Das leuchtende Antlitz dieser Gottheit verschmäht den Schleier der Mystik, ihre majestätische Gestalt umwallen keine Prunkgewänder; sie lockt nicht mit Lohn und droht nicht mit Strafe. Ernst und leidenschaftslos thront sie auf ihrem erhabenen Sitz und ist jedem Menschenkinde zugänglich. Wer ihr Antlitz schauen will, darf nicht blind glauben, der muß nur forschen, denn Zweifel sind die Stufen, die zur Wahrheit führen.«

»Bairisch Bier und Leberwurst
Juchheidi, juchheida,
Und ein Kind mit runder Brust,
Juchheidi, heida,
Und ein Glas Krambambuli,
Donnerwetter Parapluie,
Juchheidi, heidi, juchheidi, juchheida,
Juchheidi, heidi, heida, juchheidi, heida!«

krächzte ein Irrer, dessen rubinrothe Nase ihn als Verehrer des Bacchus kennzeichnete. »Schweig', Ritter von der breiten Krämpe, oder lasse Bacchus leben!« rief er dem Priester zu.

»Vivat Bacchus, Bacchus lebe,
Bacchus war ein braver Mann.«

»Delirium tremens,« flüsterte jetzt der Graf dem Fräulein Doctor zu, welches nur Auge und Ohr für den schönen Fastenprediger hatte.