Der Eiferer ließ sich durch die triviale Unterbrechung des Säufers in seinem Dispute nicht stören und erwiederte dem Wahrheitssucher mit schneidendem Hohngelächter: »Sprecht nur den göttlichen Gesetzen Hohn, entsagt schamlos der Menschenwürde und pflanzt nur die Vernunft als Glaubensfahne auf. Die gepriesene Vernunft wird Euch zur Wahrheit führen, die Vernunft, welche der aufgeklärten Menschheit zur ehrenvollen Verwandtschaft mit dem Kletterthier verholfen hat. Und du, ihr Apostel, wohin hat dich deine Forschung geführt? Die Wahrheit hast du gesucht und das Irrenhaus hast du gefunden.«
Ein Blick unsäglicher Verachtung aus dem Auge des Wahrheitssuchers fiel auf den Zeloten. Er wollte antworten, als ein Mann von finsterem Aussehen das Wort ergriff.
»Ich behaupte, daß, wenn die Herren Affen nur die Macht des Wortes besäßen, sie gegen die noble Verwandtschaft mit dem Menschen energisch protestiren würden,« versicherte der Sprecher mit großer Bestimmtheit. »Die Herren Affen leben ruhig und friedlich in ihrem primitiven Zustande nur der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse, die Herren Affen sind von allen Krebsschäden, die an der menschlichen Gesellschaft fressen, unberührt. Hochmuth, Eigendünkel, Herrschsucht, Selbstsucht, Scheinheiligkeit, Verleumdung, Verlogenheit, Heuchelei, Falschheit, Treulosigkeit und wie sonst noch das Heer menschlicher Leidenschaften heißen mag, nisten vorzüglich in der Menschenbrust. Jetzt frägt es sich –«
»Ja, alle diese Leidenschaften nisten im Herzen des Weibes,« unterbrach ihn Graf Roller in sichtlicher Aufregung. »Fand ich doch alle diese geflügelten Ungeheuer im Herzen der Falschen.« Hier brach er ab und zuckte schmerzhaft zusammen.
Zerline hatte nur Augen für den schönen Priester, dessen Geist trotz des logischen Zusammenhanges seiner Rede in der Macht des Wahnsinns sein sollte. Wenn dies Wahnsinn war, frug sie sich, was war gesunder Sinn zu nennen? Alle, die ihr zu Füßen lagen, besaßen nicht das Wissen und nicht die Beredsamkeit dieser Unglücklichen, die von der Außenwelt abgeschlossen hier ihr trauriges Dasein verbrachten.
»Die wahre Pest unserer unseligen Zeit seid Ihr, die Häupter der tückischen Bande, die sich die Organe der öffentlichen Meinung nennen,« wendete sich der Eiferer wieder an einen Mann, der in ein Journal vertieft zu sein schien. »Ihr reißt die Welt aus den Fugen und verläugnet und kreuzigt mit Eurer ruchlosen Aufklärung die heilige Religion.«
»Die Aufklärung verläugnet nicht die Religion,« entgegnete der Angeredete die Achsel zuckend. »Die Aufklärung will nur nicht diese Religion, wie manche Priester sie geben. Wahre Religion begehrt weder Demuth noch knechtische Furcht, sie verlangt Selbstständigkeit und inneres Durchdrungensein von ihrer Wahrheit, sie will nicht mit Zittern und Zagen, sie will nur mit Liebe umfaßt sein.«
»Baut nur Eurem Götzen stolze Tempel und übergoldet seine Altäre mit dem Raube, den Ihr mit verruchter Hand an mir, dem Stellvertreter Petri, und auch an den Frommen der gesammten Christenheit begangen habt,« schrie der Zelot mit heftiger Gesticulation. »Führt nur die Bauten eures sündhaften Hochmuthes bis in die Wolken und sucht den Himmel zu stürmen. Thut dies, Ihr ruchlosen Umstürzler, thut dies, bis Ihr die Langmuth Jehovas ermüdet und Ihr den Lohn dafür da findet, wo ewig Heulen und Zähneklappern ist.«
| »Der Frosch und die Unken |
| Und andere Halunken, |
| Die können nur zechen |
| Mit rächelndem Rachen, |
| Sie schlürfen aus Bächen, |
| Aus Pfützen und Lachen, |
| Aus Gruben und Klüften, |
| Aus Weihern und Teichen, |
| Aus Gräbern und Grüften |
| Und manchem dergleichen |
| Und plärren im Chor, |
| Auf Moder und Moor |
| Nur Schnickschnack und Schnackschnack |
| Und Unkunk und Quackquack,« |
näselte der Trunkenbold, sein Lied mit possierlichen Grimassen begleitend.