Der Zeitungsschreiber hatte sich erhoben und stand in drohender Haltung dem Priester gegenüber. »Elender Fanatiker, mich, dessen einziges Ziel es ist, die Menschheit zu beglücken, den Gründer des echten, reinen Glaubens, zeihest du des Raubes, der schmutzigen Gewinnsucht?« rief er zornig. »Religion ist Gold, im urbaren Zustande dem Menschen in die Hand gegeben. Ich habe die leuchtende Goldfaser entdeckt, und du, Finsterling, betest die Schlacken an. Mein Cultus bedarf nicht der Vergoldung. Der Tempel meiner Religion ist jedes edle Menschenherz, ihr Altar ist die Menschenliebe, ihr Gebet ist Menschlichkeit und ihr Lohn ist das Bewußtsein, seine Pflicht als Mensch zu erfüllen. Wozu bedarf ich des Goldes, wozu der physischen Macht? Mein reiner Glaube will keine käuflichen Glaubensüberläufer und er verschmäht auch jedes Gewaltmittel zu seiner Ausbreitung.«

»Warum hast du mir also mein Reich geraubt, warum hast du mir meine weltliche Macht genommen?« schrie der Zelot in leidenschaftlicher Erregung.

»Dein Reich ist nicht von dieser Welt,« rief eine hagere, fleischlose Gestalt, auf den Priester zuschreitend. »Meine Lehre verbietet dir, nach irdischer Größe, nach sündigem Reichthum zu streben, und nach irdischer Macht und nach irdischem Prunk lechzt deine Seele. Sündiger Verkünder meiner Worte, nur du und deinesgleichen, Ihr kreuzigt meinen Glauben und macht alle meine Wunden auf's Neue bluten.«

»Religiöser Wahnsinn,« belehrte der Graf Zerlinen und setzte ihr dann auseinander, wie der Unglückliche, im Wahne der Heiland zu sein, stundenlang mit ausgespannten Armen dastehe und wie sein kranker Geist ihn alle die fürchterlichen Qualen des Martyriums wirklich empfinden lasse.

»Die Liebe ist der Grundstein meines Glaubens, und Liebe und Nachsicht muß der Kitt sein, der den Bau des Christenthums zusammenhält,« fuhr der eingebildete Erlöser fort. »Der echte Diener Gottes muß des Glaubens Trost in das wehe Menschenherz gießen, er muß den Unglücklichen aus den öden Steppen der Verzweiflung auf die ewig grünende Oase der Hoffnung hinführen, er muß an dem unversiegbaren Born der göttlichen Gnade ihn erlaben, vor dem verderblichen Sturm der Leidenschaften ihn warnen und Stab und Stütze ihm sein auf der irdischen Dornenbahn. Und sein Gebet muß nur Gnade und Verzeihen für die Sünder erflehen, Vertilgung aber soll es nur für die Sünde erbitten! So will ich die Verkünder meiner Lehre!« rief der Irre mit gebieterischer Handbewegung. »Durch Liebe und Duldsamkeit wird mein Glaube verherrlicht, durch Liebe und Duldsamkeit wird seine Macht unerschütterlich, und unbezwingbar steht er seinen Feinden gegenüber, wenn er überhaupt dann noch Feinde zählt.«

»Herr Bruder, nimm dein Gläschen
Und trink' es fröhlich aus;
Und wirbelt's dir um's Näschen,
So führ' ich dich nach Haus.
Bedenk', es ist ja morgen
Schon Alles wieder gut,
Der Wein vertreibt die Sorgen
Und gibt uns frohen Muth,«

sang jetzt der rothnasige Zecher, auf den Erlöser zuschreitend. Er faßte ihn am Arm und zog ihn trotz seines Sträubens mit sanfter Gewalt aus dem Saale.

Der streitsüchtige Priester suchte nun wieder einen Gegenstand für seine Disputirwuth. Er packte den Irren, welcher sich einbildete der Zeitgeist zu sein, und setzte ihm so hart zu, daß es ihm zuletzt gelang, diesem seine Gelassenheit zu rauben.

»Die Zeit ist um, in der die Furcht vor unbekannten Schrecken die Menschheit abhielt, Eure drohenden Phantome vor das Forum der Vernunft zu citiren,« schrie nun der Zeitgeist zornig. »Die Menschheit will nicht mehr die von Euch construirte Brille tragen, die ihr nicht erlaubt über den ihr angewiesenen Gesichtskreis zu schauen. Ich, der mächtige Zeitgeist, habe Euren Himmel gestürmt, ich habe Eure morsche Zwingburg in Schutt und Trümmer gelegt. Mich bekämpfst du, Priester, vergebens. Du, jämmerlicher Pygmäe, willst hemmend in mein Schaffen und Wirken eingreifen. Ich werde dich mitleidslos zermalmen, wenn du mich an der glorreichen Vollendung meines Werkes zu hindern suchst.«

»Mit wem sprichst du, Verbreiter der schändlichsten Sacrilegien?« brüllte der Priester. »Du schmähst mich, den unfehlbaren Stellvertreter Petri. Ich will dich in den Pfuhl der ewigen Verdammniß –«