Hier bemächtigte sich der Wärter der geballten Fäuste des Eiferers, die sich in sehr bedrohlicher Weise dem Gesichte des Zeitgeistes genähert hatten, und führte den Erbitterten einige Schritte abseits.
»Ja, es ist eine kritische Zeit, heiliger Vater,« sprach ein bis nun stummer Zuhörer, mit bedenklichem Kopfschütteln zum Priester, der sich grollend in einen Winkel zurückgezogen hatte. »Das Consortium der ewigen Seligkeit ist in einer argen Klemme. Unsere Actien sind durch die Contremine des Zeitgeistes weit unter ihren Nominalwerth herabgedrückt worden. Nicht die Manöver eines erhöhten Zinsfußes und nicht die lockende Aussicht auf eine Superdividende vermögen uns jetzt zu helfen. Der einzige Ausweg wäre,« fügte er im Flüstertone hinzu, »mit der gut accreditirten Aufklärung einen Cartelvertrag abzuschließen.«
Ein Blitz unsäglicher Wuth entsprang dem Auge des Priesters. Einige nicht wiederzugebende Ausdrücke waren der Lohn für den wohlmeinenden Rath des gutherzigen Vermittlers.
Zerline, ganz im Anblicke des Priesters versunken, hatte, wie schon erwähnt, fast den Zweck ihres Besuches in der Anstalt vergessen. Sie konnte und wollte nicht glauben, daß der schöne Fastenprediger geisteskrank sei. Als sie aber gewahrte, daß er für sie keinen Blick habe, da begann sie allmälig zur Erkenntniß seines Irrsinns zu gelangen. Unglaublich! Bei ihm schien ihr herausforderndes Lächeln, das verführerische Spiel ihrer Augen, kurz die ganze Musik ihrer Reizungen stumpfe Sinne zu finden. Wohl hatte sie von Asketen vernommen, die, mit dem Panzer der Heiligkeit umgürtet, jeglichem Sinnesreiz unzugänglich waren, aber diese sollen welke, lebensmüde Greise gewesen sein, die vielleicht gar von der Verführung verächtlich übersehen worden waren. Nicht so der schöne Priester. Ein junges, pulsirendes Leben. Und er blieb kalt und unempfindlich bei all' den Glutgeschossen aus dem Feuerauge der sinnberückenden Zerline. Bedurfte es da erst eines ärztlichen Attestes, um seine Verrücktheit zu bescheinigen? Ja, er war unheilbar wahnsinnig. Voll Aerger und mit dieser Ueberzeugung verließ sie endlich den Saal, um mit dem Grafen den Rundgang in der Anstalt fortzusetzen.
Als sich die Thüre hinter ihnen geschlossen, meinte der Graf lächelnd, es sei sonderbar, daß die Himmelsinspectoren noch immer den Zins für ein Plätzchen im Himmel bis zur Unmenschlichkeit steigerten. Hierauf begann er wieder eine gelehrte Abhandlung über göttliche und irdische Liebe. Letztere nannte er eine insania mentis, und Diejenigen unwissende Thoren, die, ohne nach dem Befund mit dem Secirmesser im Muskelsack, vulgo Herz, zu forschen, über diesen Krankheitsproceß polemisirten. Der leitende Faden im Labyrinthe der Diagnostik sei, behaupte er, nicht im Verfolgen des Krankheitsprocesses zu suchen, und auch auf das Wesen des Processes werde durch das Nacheinander von Erscheinungen in acuter regressiver, acuter progressiver, subacut progressiver, chronisch progressiver, aufsteigender, absteigender Verlaufsweise kein Licht geworfen. Dies behaupte er mit bewußter Sicherheit und er hoffe, daß auch Zerline sich seiner Behauptung trotz der widersinnigen Ansichten der modernen Psychiatrie anschließe. Bei den letzten Worten nahm sein Antlitz einen seltsam verzerrten Ausdruck an und seine Augen begannen zu glühen. Zerline, deren Gedanken noch immer beim schönen Priester weilten, bemerkte die Veränderung im Gesichtsausdrucke des Grafen nicht. Sie nickte zum gelehrten Gallimathias, von dem sie kein Wort verstand, beifällig mit dem Kopfe, und dieser stumme Beifall verscheuchte alle Wolken von der Stirn ihres Führers. Bald waren sie bei einem zweiten Corridor angelangt. Auf das Pochen des Grafen wurde eine Thüre wie zuvor von innen durch einen Wärter geöffnet und sofort hinter ihnen wieder geschlossen.
Im Gange spazierten einige Männer mit über dem Rücken oder über der Brust gekreuzten Armen schweigend auf und nieder.
Der Graf bezeichnete sie als Apostel des Scheinwissens, der Vernünftelei, die das rationelle Wissen, das gründliche Forschen durch die rostzerfressene Waffe der Metaphysik zu bekämpfen suchen, als Vernunftgaukler, die auf dem schwanken Seil einer speculativen Philosophie ihre Künste zeigen und sich der Trugschlüsse als Balancirstange bedienen. »Narren, die über Liebe polemisiren,« bezeichnete er wieder zwei Männer, die mit sichtlicher Erregung zu einem Wärter sprachen.
»Johann, gesteht es nur, vermag alle Zweifelsucht die Wunder der Liebe zu läugnen?« rief der Eine, die Hand des Wärters ergreifend. »Gibt es für eine schöne Seele ein süßeres Glück als dieses veredelnde Gefühl, das großmüthig alle Freuden spendet, ohne solche zu verlangen, denn reine Liebe kann nur geben und nicht begehren. Reine Liebe mildert die Ueberlegenheit des Starken, sie hilft der Schwäche aus ihrer Ohnmacht auf, sie ist die heiligste Empfindung, sie strömt aus der reinsten Quelle und ist göttlicher Natur.«
»Johann, laßt Euch nicht betören,« schrie der Zweite und bemächtigte sich der anderen Hand des Wärters. »Die Liebe ist nur ein Sinn, der darnach strebt, sich mit dem Sinnlichen zu vereinbaren, eine Ueberreizung des inneren Sinnes, der seine krankhafte Anschauung dem äußeren Sinne unterschiebt. Darum der Wahn, den Gegenstand der Anbetung in einem Nimbus von Vollkommenheiten zu sehen, die dieser nicht besitzt. Das Grab aller dieser exaltirten Empfindungen ist der Besitz. Mit dem Besitz tritt die Vernunft wieder in ihr Recht und rächt sich, durch die ihr widerfahrene Vernachlässigung gekränkt, durch eine desto unumschränktere Herrschaft. Was geschieht also jetzt? Da sich die Trunkenheit des Geistes an dem Taumel der Sinneslust verflüchtigt hat, erhebt sich nun der so lange daniedergehaltene Geist und betrachtet nüchtern den Gegenstand, dem er eine gottgleiche Anbetung gezollt hat. Was findet er da? Ein mit allen Schwächen und Gebrechen behaftetes Wesen. Welche Wandlung tritt nun bei ihm ein? Aus dem Auge seines Idols, früher für ihn der Spiegel tiefster Empfindungen, gähnt ihn jetzt ein Meer von Inhaltslosigkeit an, das süße, ihm einst unsägliche Wonne spendende Lächeln wird ihm zur widrigen Grimasse und die schmelzend modulirende Stimme, die zuvor alle Fibern seines Herzens erzittern machte, wird ihm zum tremolirenden, unharmonischen Klang. Jetzt hat sich die Liebe in Gleichgiltigkeit oder in Widerwillen oder gar in Haß verwandelt. Nun beginnt die Unterwürfigkeit nach Unterjochung zu streben, und der demüthige, willenlose Sclave wird ein harter, grausamer Gebieter. Dies ist die einzig logische Erklärung vom Ursprung und vom Ende der Liebe, die ideale Gefühlsdusler mit einer überirdischen Strahlenglorie umgeben. Johann, meine Auseinandersetzung ist doch klar und faßlich. Laßt Euch durch den Redeschwulst eines Geisteskranken vom Wege der Vernunft nicht weglocken.« Die letzten Worte wurden mit einer nicht zu mißverstehenden Geberde auf seinen Widersacher begleitet.
»Freilich sehe ich ein, daß Sie vernünftig beweisen, fünf sei eine gerade Zahl,« bestätigte der Kampfrichter.