Bei dieser Versicherung umspielte ein Lächeln stolzer Befriedigung den Mund des Preisgekrönten, während sich auf der Stirne seines Gegners dräuende Wolken des Zornes häuften.
»Du wagst es, die platonische Liebe mit dem thierischen Triebe, die reine Himmelstochter mit der irdischen Venus zu identificiren?« schrie der Platoniker wild gesticulirend. »Es ist keine Kunst, über Gefühle Meister zu werden, die deine schmutzige Seele nicht einmal flüchtig bestreichen. Dem groben Stoff ist das erhabene Gefühl, welches den Geist zwingt, vor dem Gegenstand seiner Anbetung niederzufallen, ein Geheimniß, das er nie ergründen kann. Johann, gebt dem schmutzigen Cyniker keine Macht über Euch, glaubt seinen Worten nicht, sie sind giftiger Mehlthau für die edelsten, erhabensten Blüthen, die eurer Seele entsprießen.« Hier zitterte seine Stimme und sein Auge ruhte flehend auf dem Wärter.
»Ja, ja, Ihre Behauptung ist die richtige. Ein runder Tisch hat vier Ecken,« bestätigte der gutmüthige Wärter.
Jetzt tänzelte eine lange, dürre Gestalt, mit allen Merkmalen eines Löwen der Mode ausstaffirt, auf die Streitenden zu.
»Der Platoniker und der Cyniker bauen schon wieder ihre Luftgebäude von Sophismen,« rief er verächtlich. »Ich bin Raoul von Biber, der alle Frauenherzen mit eben solchem Gleichmuth wie die Austern verspeist. Wer wagt es über Liebe zu sprechen, ohne zuvor mein Gutachten hierüber einzuholen? Ich will eure Lügengebäude Kartenhäusern gleich zusammenschmeißen.« Und nun begann der Weiberherzenfresser wunderbare Mären von seinen Eroberungen zu erzählen. In seinem Siegesregister wimmelte es von Fürstinnen und Herzoginnen, die sich um ihn die Augen ausgeweint. Primadonnen und dramatische Größen hatten nur für ihn gesungen und gespielt und zahllose Unglückliche hatten sich aus Verzweiflung über seine Kaltherzigkeit die Pulsadern aufgeschnitten oder das kalte Wassergrab aufgesucht. Raoul behandelte, seiner Versicherung nach, die Unglücklichen, die nach der glänzenden Schmach, seine Sclavinnen zu sein, lechzten, mit kalter Grausamkeit. Er warf einfach der Bevorzugten das Schnupftuch zu und nahm es wieder zurück, wenn er eine Andere vor Selbstmord bewahren wollte.
»Der alberne Nickvogel hat sich einen phantastischen Harem mit glutäugigen und antilopenäugigen Odalisken geschaffen,« flüsterte Graf Roller Zerlinen zu, und als sie ihren Rundgang fortsetzen, erzählte er, wie eines Tages die Schattengestalten, mit denen Raoul seinen selbstgeschaffenen Harem bevölkerte, sich plötzlich für ihn zu verkörpern begannen. In jedem Weibe erblickte er nur eine erlauchte Persönlichkeit und zuletzt warf er sich einer überreifen Tochter Libussas zu Füßen, deren vornehmste Eigenschaften in der geschickten Handhabung von Scheuerbesen und Aufwaschlappen gipfelten, und bat sie flehentlich, ihn als Prinz-Gemal zu acceptiren.
Zerline hörte dem Grafen gelangweilt und mit Mühe das Gähnen unterdrückend zu. Der Weiberherzenfresser war für sie nicht neu und nicht interessant. Wie viele solche eingebildeter Frauenbezwinger zählen zu ihren Bekannten! Ein gutes Stück von Raouls Narrheit steckte ja sogar in ihren mächtigen Gönnern. Wie ganz verschieden war dies, was sie hier sah und vernahm, von dem, was sie erwartet hatte. Was konnte sie eigentlich aus diesem Wahnsinn für ihre Rolle Ersprießliches schöpfen? Sie suchte ja nur den Wahnsinn, der der Verzweiflung entspringt und Schrecken verbreitet. Was hatte sie bis jetzt im Irrenhause gefunden? Narren, die sich vernünftiger geberdeten als alle Anbeter, die zu ihren Füßen lagen. In diesen nicht sehr erquicklichen Gedanken unterbrach sie der Graf. Er machte sie auf einige Individuen aufmerksam, deren Antlitz einen stark ausgeprägten Zug speculativer Schlauheit aufzuweisen hatte. Er bezeichnete sie als Opfer der Börsenkatastrophe. Einen ältlichen Mann, dessen Brust eine Unzahl Orden aus Goldpapier schmückte, bezeichnete er als einen gewesenen Börsenmatador, der unermüdlich immer neue Pläne schmiede, um seine verlorenen Schätze wieder zu erobern. Pläne, die natürlich an Widersinn und Verrücktheit kaum ihres Gleichen fänden, die aber ein glänzender Beleg für seine Raffinirtheit in Gewinnerspähung waren. Er wendete sich nun an den Irren und frug ihn, ob er schon einen neuen Plan ersonnen habe, um Papier zu säen und Gold zu ernten. Die Antwort war bejahend. Der Geisteskranke versicherte, er habe den Schlüssel zur Pforte, die in das Goldland der Glücksgöttin führe, nach angestrengtem Suchen endlich doch gefunden. Dieser kostbare Fund habe ihm wieder einen Orden von einem überseeischen Serenissimus eingetragen. Dabei nestelte er feierlich einen papierenen Orden von seinem Wams los, drückte diesen ehrfurchtsvoll an seine Lippen und sein Rücken nahm nun eine solch' unterthänige Krümmung an, daß man schier vermeinte, er wolle dem überseeischen Serenissimus seine überschwängliche Kriecherei veranschaulichen.
Der Graf bezeichnete ihn mit verächtlicher Geberde als den obligaten Speichellecker der Mächtigen. Dieser Schlag Menschen, behauptete er, sei nach Darwin ein schlagender Beweis der Accommodationsfähigkeit lebender Organismen. Dann wendete er sich wieder an den Irren mit der Aufforderung, ihnen seinen genialen Plan, um die rollende Kugel der launischen Glücksgöttin festzuhalten, mitzutheilen. Der Patient war gleich bereit diesen Wunsch zu erfüllen und begann in der weitschweifigsten Weise seinen Finanzplan zu entrollen.
Er habe den genialen Gedanken, durch eine Drahtseilbahn in den Mond zu gelangen, um hier die Goldbergwerke und die Diamantenfelder auszubeuten, theilte er dem Grafen mit. Um nun dieses großartige Project durchzuführen, müsse er zuvor einige glänzende Namen an die Spitze seines Unternehmens stellen, und durch einige gefällige Zeitungsschreiber sein Programm als überaus günstig anpreisen lassen. Schon beim Beginn wolle er trachten, aus der Rechnung der Einrichtungsspesen den möglichst hohen Nutzen zu ziehen, und bei jeder Wahl werde er durch bezahlte Strohmänner sich die Stimmenmehrheit zu sichern wissen. Für Geld und gute Worte werde er auch eine freundliche Bank finden, welche bei seinen Papierembryos Pathenstelle vertreten und diese noch vor der Geburt im Thronsaale Fortunas einführen und cursfähig machen würde. Wenn diese also lancirt wären, könnte er sie mit einem fabelhaft hohen Agio in die Welt schicken. Natürlich würde er dann den Gewinn einstecken und für sich die Präsidentenstelle reserviren, seine Freunde jedoch zu Verwaltungsräthen machen, um das Institut, das er geschaffen, nach Belieben zu Grunde richten zu können. Dabei kicherte der Irre und rieb sich vergnügt die Hände und machte seltsame Bockssprünge, um seine Freude zu bezeigen, und fuhr immer fort seinen Plan zu entwickeln. Wenn er die Cassen mit Hilfe seiner Freunde geleert habe, sprach er weiter, wolle er den Köder einer Superdividende auswerfen und dann durch einen Cartelvertrag mit einem unter anderem Namen ebenfalls von ihm gegründeten Institute die dummen Actionäre wieder vertrauensselig machen. Unter der Vorspiegelung, das junge Unternehmen werde an dem maßlosen Gewinnste der Mutteranstalt participiren, könnte man sich auch leicht das Bezugsrecht des jungen bezahlen lassen. Sodann beginne er die Effecten seiner Schöpfung durch Scheinverkäufe zu contreminiren und schraube sie nach erfolgter Baisse durch lebhafte Nachfrage in die Höhe.
Es ist selbstverständlich, daß Zerline kein Sterbenswörtlein von diesen genialen Finanzoperationen begriff, ebenso wenig verstand sie die Behauptung des Grafen, daß dieses erhaltene Maß von Intelligenz bei Verrückten erstaunlich sei. Dies, meinte er dann, sollte nur unter der Annahme verständlich sein, daß wahrscheinlich ein geregelter Ablauf im logischen Apparate des Vorderhirns eine minder intensive Arbeitskraft erfordere, als die Ausübung der Hemmungsacte. Dies wäre die Erklärung eines mächtigen Fürsten auf dem Gebiete der modernen Psychiatrie.