Plötzlich wurde der Graf von einem Manne am Arm gefaßt und freundlich begrüßt. Als Professor und als ein leuchtender Stern am Firmamente des Wissens stellte der Graf diesen Zerlinen vor und frug sodann den Patienten, ob es ihm schon gelungen sei das Problem zu lösen.

»Mein Werk ist vollendet, das Problem ist gelöst und vor dem unerbittlichen Feinde der Zoobionten ist fortan eine unübersteigliche Schranke errichtet,« versicherte der Professor mit wichtiger Miene. »Die Zerstörungswuth der grausamen Natur wird endlich lahmgelegt werden und ihre widersinnigen Anstrengungen, ihre herrlichsten Werke zu vernichten, werden sich an meiner Combination machtlos brechen. Der Mensch wird nicht mehr der Sclave seines Blutes sein, er wird mit starker Hand das Steuer seines Lebensschiffes regieren, er wird ebenso der Windstille wie der sturmgepeitschten rothen Wogen spotten. Der Puls darf nicht mehr der Zeiger der Lebensuhr sein, der Schädel nicht die Gedankenhilfe, die Nase nicht der Lungenschornstein, das Herz nicht das Blutreservoir und der Magen nicht der Heizungsapparat. Auch alle vegetativen und animalen Apparate werden durch meine Combinationen ihrer Functionen enthoben. Hier in dieser wundersam combinirten und aus reinem Protoplasma construirten Form, hier ruht das Geheimniß des Aufhörens der Endlichkeit der Bionten,« und bei diesen Worten zog er eine kleine Thonfigur hervor und zeigte sie dem Grafen und Zerlinen.

»Weshalb nennen Sie die Natur grausam?« rief jetzt ein Irrer, der dem Vortrage des Professors aufmerksam zugehört hatte. »Warum der Natur Vorwürfe machen? Wenn sie ihre mit Sorgfalt herangebildeten Werke zerstört, so muß sie dies thun, denn dies geschieht ja nach einem ewigen Gesetze und sie thut es nur mit zerrissenem Herzen.«

Der Professor maß den Vertheidiger der zerstörungssüchtigen Natur mit zornigen Blicken und erwiederte in sichtlicher Aufregung, die Natur sei grausam und lieblos, die Natur setze das Wesen in die Welt, ohne sich um sein Fortkommen zu kümmern, sie sei eine Rabenmutter, liebe ihre Kinder nicht mit gleicher Liebe, denn sie lasse diejenigen Wesen, die ihrer Auswahl nicht zusagten, erbarmungslos verkommen und verkümmern. Er allein liebe die Menschheit wahrhaft und deshalb werde er diese vor Tod und Verwesung bewahren.

»Du willst also der Menschheit die Unsterblichkeit sichern und dadurch mein Reich entvölkern,« schrie der zweite Irre mit zornblitzenden Augen. »Meinst du, daß ich, der Tod, dies gutwillig dulden werde?«

»Nein, nein, das darf er nicht thun, das wird der Herr Director nicht erlauben,« beschwichtigte ein Wärter den Aufgeregten.

»Dies werde ich zum Heil der Menschheit thun, trotz des Widerstandes ihres erbitterten Feindes,« versicherte der Professor würdevoll und kehrte seinem Gegner den Rücken.

Der Graf führte nun Zerline weiter und bemerkte lächelnd, der Mensch sei doch ein eigenthümliches Wesen mit seiner barocken Einbildung, daß er der bevorzugte aller Bionten und als vollendetes Meisterwerk aus der Künstlerhand der Natur hervorgegangen sei. Der kleinste Wurm wäre ja in seiner Art ein ähnliches Wunderwerk wie die menschliche Maschine. Ohne den complicirten Bau desselben verrichte sein Organismus alle Functionen, welche zu seiner Erhaltung und Fortpflanzung bedingt sind. Der einzig unbestreitbare Vorzug des Menschen wäre der göttliche Funke, die Geisteskraft. Wie oft aber entsage der Mensch diesem Erstgeburtsrechte um ein Geringeres noch als ein Linsengericht.

Zerlinens Geduld war nun erschöpft. Sie hatte sich die Füßchen wundgelaufen und hatte doch nichts Interessant-Verrücktes gesehen. Die schwulstigen, unverständlichen Reden überschnappter Gelehrten, der Schwindelplan eines beutesüchtigen Geldmannes und die Vernachlässigung eines gefühllosen Asketen waren doch weder belehrend noch amüsant. Und doch soll eine ihrer Rivalinnen in der Residenz den Genius der tragischen Kunst im Irrenhause gesucht und auch gefunden haben. Auch sie wollte daselbst etwas apart Verrücktes sehen und gab zuletzt diesem Wunsche ohne Hehl Ausdruck. Der Graf schien darüber nicht wenig befremdet und schüttelte den Kopf. Er meinte, die Patienten wären doch für den Arzt sehr interessant. Sie wähnten sich Millionäre, Könige, Götter, Propheten, die unglücklicher Weise gezwungen wären, ihrer höheren Macht zu entsagen und die nach vielen Plagen des Verfolgungswahnes es erst erreicht, sich auf dieses Piedestal der Narrheit zu stellen. Er begann nun die physiologische Ursache eines Phänomens, welches die Laien so sehr in Erstaunen setzte, vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu beleuchten, er hielt wieder einen Vortrag aus der psychiatrischen Pathologie über Hysterie, Epilepsie, Hypochondrie und all' den daraus hervorgegangenen Formen des Irrsinns in so breitspuriger und confuser Weise, daß Zerlinen darob schier Hören und Sehen verging. Wie eine Erlösung erschien es ihr, als ein Wärter ihnen Einlaß in einen neuen Saal gewährte. Hier gewahrte sie Schattengestalten, die lautlos dasaßen und düster vor sich hinstarrten. Der Graf befragte einen dieser Bedauernswerthen, einen noch jungen Mann, um sein Befinden. Der Irre beklagte sich nun mit thränenden Augen über seinen verzweifelten Zustand. Im Hirn habe sich bei ihm ein Tumor ausgebildet, die obere Spitze des rechten Lungenlappens sei mit Tuberkeln bedeckt, dazu komme noch, daß die linke Herzklappe nicht mehr schließe und die Verdauungsorgane zu functioniren aufgehört hätten. Jeder dieser Krankheitsprocesse bedinge doch einen letalen Ausgang und deshalb sei auch schon bei ihm der Collapsus eingetreten. Als der Graf ihn zu beruhigen versuchte, riß er sein Wams auf, entblößte seine Brust und rief schluchzend, daß durch das Glasfenster an seiner Brust der Einblick in die Verwüstungen, welche die Krankheitsprocesse angerichtet, ermöglicht sei. Der Graf erzählte nun Zerlinen, daß der Unglückliche ein Arzt sei, der kurze Zeit nach seiner Promotion in diesen traurigen Zustand verfallen wäre. Er fügte zum Schlusse bei, dies wären die Accidentien des Arztes, das Bewußtsein der steten Gefahren, die der menschlichen Maschine drohen, und die Erkenntniß, daß von der vehementen Bewegung oder von der Stagnation einiger Bluttropfen der Mechanismus des Seins oder Nichtseins abhänge.

»Trostlose Zeiten, trostlose Zustände!« schrie jetzt ein Irrer, auf den Grafen zuschreitend. Und als der Graf ihn frug, was ihm eigentlich so trostlos vorkomme, begann der Irre sein Klagelied. Alles jage jetzt dem leichten, mühelosen Gelderwerbe nach, der Tempel der Kunst und des Wissens werde immer öder und verlassener und wenn Kunst und Wissen sich jetzt nicht in das bunte Kleid eines Marktschreiers hüllten, müßten sie im Kampfe um's Dasein erliegen. Man fasle von Gerechtigkeit, Anerkennung und Humanität. Dies wären nur schönklingende Phrasen. Wo sei da die Gerechtigkeit, wenn die Protection mächtiger Gönner die Koryphäen des Wissens schaffe, wo die Anerkennung, wenn das Verdienst sich zum Fußschemel von Emporkömmlingen erniedrigen müsse, wo die Humanität, wenn die Gaben nur ostentativ gespendet würden, um ein Bändchen im Knopfloch zu erhaschen. Werde er nicht selbst um seines Wissens willen tückisch verfolgt? Suchten ihn nicht die Schergen der Tyrannei in Geistesfesseln zu schmieden?