Der Graf bezeichnete den Zustand des Patienten als Verfolgungswahn und machte dann Zerline auf einen Greis aufmerksam, der jammernd und händeringend sein geraubtes Geld zurückverlangte. Der Irre war ein reicher Mann gewesen, der sein Vermögen durch den gräßlichsten Geiz gesammelt hatte. Der Mammon war sein süßester Genuß, sein Alles gewesen. Er verbarg ihn sorglich vor jedem Menschenauge. So gut verbarg er sein geliebtes Gold, daß er nach einer Krankheit, die ihm das Gedächtniß raubte, das Versteck nicht mehr zu finden wußte. Die Verzweiflung raubte ihm den Verstand.

Zerline begann nun aus der Apathie zu erwachen. Die Verrücktheit, die sie jetzt wahrnahm, war interessant und ihrem Begriffsvermögen zugänglich. Die fleischlosen Jammergestalten näherten sich den Vorstellungen, die sie sich vom Wahnsinne gemacht hatte. Da hörte sie jammern, schluchzen, sie sah Thränen, die ein eingebildeter Schmerz erpreßte. Dies war der Wahnsinn, den sie künstlerisch darstellen wollte. Es wurde immer interessanter. Jetzt verlangte gar ein Irrer mit flehender Geberde ihre Geldbörse, und als sie sein Verlangen erfüllte, da betrachtete er prüfend jedes Geldstück von allen Seiten und murmelte dann traurig: »Patriciermünzen, nur Patriciermünzen.« Zuletzt gab er ihr die Börse wieder und entfernte sich mit gesenktem Haupte. Der Graf erzählte ihr nun, daß der Patient ein leidenschaftlicher Numismatograph gewesen sei. Eines Tages wäre er von der Wahnidee befallen worden, er müsse in den Besitz jener Münze gelangen, welche – nach einer Mythe – Zeus jedem Sterblichen bei seiner Geburt vom Olymp hinabwerfe. Diese gespendete Münze soll nun nach der Wahnidee des Irren, wenn sie auf das Wappen gefallen sei, einem Plebejer, wenn sie auf den Kopf gefallen sei, einem Patricier gespendet sein. Der Arme suchte nun als Plebejer seine vom Sturz aus dem Olymp an dem Wappen beschädigte Münze, fand aber nach seiner Versicherung nur Patriciermünzen.

Der Graf führte sie nun in ein anderes Gemach, in welchem Zerline einige Männer in steifer Haltung, mit Brillen auf der Nase, in eifrigem Disput um einen Tisch herum sitzen sah. Zerline fragte ihren Führer, ob da wohl ein ärztliches Concilium abgehalten werde. Der Graf bejahte dieses lächelnd und belehrte sie dann, diese Geisteskranken wähnten sich Sanitätsräthe eines kranken Staatskörpers und mühten sich ab, dem Patienten, der an einem Neugebilde laboriren sollte, Hilfe zu bringen. Komisch genug wären die Heilmethoden, die da versucht werden sollten. Durch die widersinnigsten Versuche, durch eine Palliativcur wollten sie das Krebsgeschwür exstirpiren. Auf alle erdenkliche Weise zermarterten sich diese gelehrten Köpfe das Hirn und keiner fand den Muth, die Schneckenlinie der alten Therapie zu verlassen. Solch' verzopfte Sanitätsräthe, meinte der Graf, curiren mit ihren lächerlichen und gefährlichen Experimenten nicht selten ihren Patienten zu Tode, wenn dessen robuste Natur ihm nicht von selbst durchhelfe. Als sie einen zweiten Saal betraten, gewahrte Zerline Geisteskranke, die singend oder weinend auf Lehnstühlen saßen, während andere in toller Lustigkeit herumsprangen. Das Bild des Wahnsinns wurde immer ergreifender, düsterer und schauerlicher. Für Zerline ward es immer interessanter, spannender und, wie sie sich einbildete, für die Kunst nutzbringend.

Jetzt bezeichnete ihr der Graf einen Greis, dessen Wehgeschrei den Raum durchzitterte. Zerline erfuhr nun, daß der Arme drei blühende Söhne im Kriege verloren und aus Schmerz hierüber irrsinnig geworden sei. Nun folgten vom Grafen bittere Betrachtungen über die Kriegsfurie. Wie die Gewalthaber es gar nicht berechnen wollten, welches Elend sie durch die Kriege über die Völker herabbeschwören, wie zu Gunsten Einzelner der Wohlstand und das Familienglück Tausender vernichtet würde und wie in unserer Zeit, welcher man Fortschritt und Humanität nachrühme, die Kriege an Barbarei und Zerstörungswuth die Gräuel der alten Zeit übertreffen. Dies Alles fand an Zerline keine sehr aufmerksame und theilnehmende Zuhörerin. Sie konnte es keinem Machthaber verargen, wenn er die Zahl seiner Untergebenen zu vergrößen suchte. Eroberungsgelüste waren bei ihr, der allmächtigen Männerbezwingerin, keineswegs verdammlich, wohl aber der Widerstand der zu Unterjochenden. Alle Mittel waren dann erlaubt, um den Sieg zu erringen. Nun führte sie der Graf zu den Isolirzellen der Tobsüchtigen. Ein Wärter schloß die Thüre einer Zelle auf und der Graf lud Zerlinen zum Eintritt in dieselbe ein. Die Tragödin wurde bleich und prallte erschreckt zurück. Aus der Zelle ertönte ein wildes Geheul, und bald antworteten Stimmen, die keinen menschlichen Klang mehr hatten, im schauerlichen Chor aus den benachbarten Zellen.

Der Graf blickte die Erschreckte befremdet an und meinte dann, ihr fehle der dem Arzte nöthige Stoicismus. Nun möchte er sie am Cadaver mit dem Secirmesser manipuliren sehen. Er lud sie ein, ihm in die Leichenhalle zu folgen und sich daselbst ein beliebiges Object zu wählen. Kalter Schweiß bedeckte die Stirne Zerlinens. Diese Zumuthung machte ihr das Blut erstarren. Sie sollte eine Leiche anatomisch zerlegen und in deren Innerem herumwühlen. Lebende verstand sie wohl meisterhaft in Atome zu zerlegen, im Herzen ihrer Rivalinnen wußte sie geschickt mit dem Scalpell der Bosheit herumzuwühlen. Aber Leichen zerstücken, welch' ungeheuerliches Verlangen! Schon wollte sie ihrem empörten Gefühl Worte leihen, als sie sich noch rechtzeitig ihrer entlehnten Würde als Fräulein Doctor erinnerte. Jetzt wollte sie sich der Leitung ihres Führers unter dem ersten besten Vorwande entziehen, als sie plötzlich ihr Vorhaben aufgab. Der Graf erzählte ihr nämlich, daß er ihr in der Residenz bei ihren wissenschaftlichen Studien nützlich werden könne. Sein Vater bekleide eine hohe Stellung bei Hofe und dessen Haus sei der Sammelplatz aller hervorragenden Vertreter der Kunst und des Wissens. Durch diese Mittheilung gewann der Graf eine nicht geringe Bedeutung in ihren Augen. Sie mußte doch trachten, die Zahl ihrer Gönner in der Residenz zu vergrößern. Dies umsomehr, weil der Director des Hoftheaters ein starrnackiger Pedant war, der wohl den körperlichen Reizen der Kunstjüngerinnen Gerechtigkeit widerfahren ließ, solche aber als Ersatz für künstlerische Leistungen nicht gelten lassen wollte. Den Grafen mußte sie also gewinnen, um sich durch seine Fürsprache den Schutz seines mächtigen Vaters zu sichern. Der Plan hiefür war von Zerline in einem Nu entworfen und ohne Zögern schritt sie zu dessen Ausführung. Sie betrachtete nun aufmerksam den Grafen. Er war kein übler Mann. Sie wunderte sich, daß sie dies so lange übersehen hatte. Der Drang des Wissens, die Liebe zu ihrer Kunst hatten dies schier Unglaubliche bewirkt. Sie überblickte nun den Raum, in welchem sie sich befanden. Es war dies ein öder, endlos langer Corridor. Vor Störung war man da sicher. Nun begann die kundige Männerbezwingerin alle Brandraketen aus ihrem Arsenal gegen ihr argloses Opfer loszufeuern. Mörderische Blicke, süßes Lächeln, sanfte Händedrücke, berauschende stumme Verheißungen bombardirten das leicht entzündliche Herz des armen Grafen. Was Wunder also, daß der Ueberfallene der unvermutheten Attaque nicht zu widerstehen vermochte. Als noch zuletzt die geübte Strategin einen ihrer harmonischen, reizenden kleinen Schreie wie ersterbend hinhauchte und von einem plötzlichen Schwindel befallen einen Stützpunkt suchte und diesen Stützpunkt in den Armen des Grafen fand, da stimmte sie schon innerlich eine Siegeshymne an. Einige Augenblicke spielte sie die Bewußtlose, dann zeigte sie durch einen melodiösen Seufzer die Wiedererstarkung ihrer Nerven an. Ein süßer Blick und ein zarter Händedruck belohnten den Retter in der Noth. Da riß sich dieser plötzlich von ihr los und starrte sie mit unheimlich funkelnden Augen an.

»Nur einmal durfte mich ein Weib betrügen,« murmelte er und fuhr sich zu wiederholten Malen mit der Hand über die Stirn. Nach wenigen Augenblicken errang er seine Fassung wieder und zeigte ihr in höflichem, kaltem Tone an, daß der Rundgang in der Herrenabtheilung zu Ende sei. Die Räume, welche die weiblichen Irren bewohnten, durfte er nicht betreten. Aergerlich und gedemüthigt hörte Zerline kaum, wie er ihr die Oberwärterin, welche nun das Führeramt übernehmen sollte, als eine alte Klatschbase schilderte, die sich einbilde ärztliches Wissen zu besitzen und die alle bei Fachmännern gebräuchlichen Ausdrücke bis zur Unkenntlichkeit verstümmle. Als nun auf sein Pochen die Oberwärterin die Thüre, welche zur Frauenabtheilung führte, von innen öffnete, empfahl er ihr eindringlich die Wissbegierde eines weiblichen Arztes zu befriedigen, ohne jedoch die verstümmelten Mißgeburten ihrer Arzneikunde an's Tageslicht zu fördern. Die Oberwärterin warf ihm einen Blick zu, der gekränktes Ehrgefühl, selbstbewußte Würde und auch ein klein wenig Geringschätzung ausdrückte und schloß hinter ihm die Thüre.

Margarethe, die Oberwärterin, ein wohlbeleibtes Weib mit gutmüthigem Gesichte, stellte sich dem Fräulein Doctor als gehorsame Dienerin zur Verfügung. Sie versicherte, vor Freude bis in den Himmel zu wachsen, wenn sie eine Frau als gestudirten Doctor leibhaft vor sich sehe. Die aufgeblasenen Mannsbilder trügen die Nase gar so hoch. Nun wäre aber die gesegnete Zeit gekommen, wo sie einsehen müßten, daß das Weib ebenso gescheit wäre wie diese Herren Allesmir. Auch die alte Margarethe wäre ein Doctor geworden, sie hätte das Zeug dazu, aber man habe sie leider nicht gestudiren lassen.

Zerline schenkte diesen Worten nur geringe Aufmerksamkeit. Ihren Aerger über die zweifache Niederlage, die sie in der Anstalt erlitten, die Vernachlässigung des Priesters und der Widerstand des Grafen, vermochte sie nicht so bald zu unterdrücken. Zuletzt tröstete sie sich aber mit dem Gedanken, daß der Graf früher oder später zu ihren Füßen liegen müsse. Welch' starre Felsenherzen waren vom Glutblicke ihres Feuerauges zu weichem Wachs geworden, und dieses Gräflein sollte ihr widerstehen? Unbezwingbar war er nicht, dafür hatte sie Beweise. Wenn er sie nur erst als die gefeierte Zerline in ihrem reizenden Boudoir sehen würde, dann –. Diese Siegesgewißheit verscheuchte bald die Wolken des Mißmuthes von ihrer schönen Stirne. Sie wendete nun ihre Aufmerksamkeit der redseligen Oberwärterin zu. Bald begann sie sich in deren Gesellschaft wohl und behaglich zu fühlen. Mit Margarethe durfte sie ohne Furcht, aus der Rolle des Fräulein Doctor zu fallen und ihre Unwissenheit zu demaskiren, nach Herzenslust reden, wie sie es verstand. Sie war nun frei und ungezwungen. Der erste Gebrauch, den sie von dieser köstlichen Errungenschaft machte, war selbstverständlich um eingehende Erkundigungen über den widerspänstigen Grafen einzuholen. Die Auskunft, die ihr ward, brachte sie einer wirklichen Ohnmacht nahe. Der Graf sei ein Patient der Anstalt, berichtete Margarethe. Durch eine Komödiantin, die er zu seiner Gräfin erhoben, grausam hintergangen, sei er aus Gram irrsinnig geworden. In einem Wuthanfalle habe er die Ehebrecherin ermordet. Man fand ihn im Herzen der Todten herumwühlend, um da zu erforschen, ob die Liebe, die sie ihm geheuchelt, wirklich nur Lug und Trug gewesen sei. Für jetzt sei er harmlos, nur das schreckliche Gelüste, in Leichen herumzuwühlen, sei bei ihm nicht auszurotten. Immer sei er in der Leichenkammer zu finden, allerlei gelehrten Krimskrams führe er im Munde und seine wunderlichste Einbildung sei, nur er verstehe die Arzneikunde und nur er wäre der Obergott aller Doctoren.

Zerline war, wie schon erwähnt, einer wahren und wirklichen Ohnmacht nahe. Ihr Riechfläschchen und ein Glas kaltes Wasser, welches Margarethe, durch ihre Blässe erschreckt, eiligst herbeischaffte, machten erst ihre Lebensgeister wieder erstarken. Entsetzlich, einen Geisteskranken hatte man ihr zum Führer in der Behausung des Schreckens gegeben. Jetzt erst ward ihr das sonderbare Reden und das seltsame Benehmen des verrückten Grafen erklärlich. Ihr Zorn kehrte sich nun gegen den Oberwärter, der sie aus purer Bosheit dieser Gefahr preisgegeben hatte. Margarethe gab sich alle Mühe, die Aufgeregte zu beruhigen. Sie versicherte, daß in allen Irrenanstalten Kranke, welche alle äußeren Zeichen der Verrücktheit abgelegt haben, zu Diensten aller Art, ja sogar zur Pflege anderer Kranken verwendet würden. Die letzte Versicherung rief einen neuen Schreck bei der Geängstigten hervor. Wie leicht war es möglich, daß Margarethe zu diesen verrückten Pflegern zählte. Die Angst prägte sich so leserlich auf dem Antlitz Zerlinens aus, daß Margarethe sofort den Verdacht errieth. Die gute Oberwärterin suchte die Furchtsame durch alle erdenklichen Beweisgründe von ihrer Zurechnungsfähigkeit zu überzeugen. Nach vieler Mühe gelang ihr dies endlich, und Zerline vertraute sich ihrer Leitung an. Margarethe begab sich nun mit ihr in den Conversationssaal der zweiten Classe. Hier saßen Frauen verschiedenen Alters, mit Lectüre, Handarbeit und auch mit Musik beschäftigt. Nach der Versicherung der Oberwärterin verbrachte die Mehrzahl dieser armen Irren ihre Zeit in der Anstalt viel angenehmer und nützlicher, als sie es je in ihrem Heim gethan. »Mein Herzchen, wie weit bist du mit der Arbeit?« frug Margarethe ein junges Mädchen, welches mit Charpiezupfen beschäftigt war, worauf die Irre in klagendem Tone den Namen Egon murmelte. Margarethe erzählte nun Zerlinen, wie dies das einzige Wort sei, das ein Menschenkind von dem kranken Lamm zu hören bekomme, es sei dies der Name des Gewissenlosen, der das arme Kind in's Unglück gestürzt habe. Nun bezeichnete sie ein altes Weib als vom Wahne ergriffen, in jeder Speise Nadeln zu finden, eine zweite Kranke bilde sich ein, man wolle sie vergiften, und nur mit Mühe gelinge es, den armen Närrinnen Nahrung einzutrichtern. In ein Nebengemach tretend erklärte die redselige Oberwärterin, auf eine Patientin weisend, sie leide an »Halunkationen«, dieses junge Herzchen sei ein »Migroköpsalus«, ein Ohnehirn, und der wandelnde Flaschenkürbis, der heranrolle, sei eine Komödiantin. Diese Lärmtrommel würde sich schon allein präsentiren. Ihr Mundwerk gehe wie auf Rädern, die Thränenpumpe sei in ewiger Bewegung, Ach und Weh habe sie schockweise und Alles sei Lug und Trug. Sie, Margarethe, habe eine Wuth gegen diese Komödiantenweibsbilder, die halbnackt und mit Flitter behängt sich von den Mannsbildern begaffen lassen. Ihr Ferdi wolle ihr wohl einbilden, diese Komödiantenweiber seien nicht so schrecklich, aber sie wisse wohl, wie viel die Glocke geschlagen habe.

Zerline überhörte die schmeichelhaften Worte, welche Margarethe ihren Berufsgenossinnen spendete, ihre Aufmerksamkeit war jetzt einer Person gewidmet, die, mit verblaßten Theaterflittern aufgeputzt, das aufgedunsene Gesicht mit einer dicken Schminkenschichte überstrichen, auf sie zuwackelte und in Thränen zerfließend sich zu ihren Füßen warf.