»Sie gehören sicherlich nicht zu den Barbaren, die sich an den Zuckungen des menschlichen Herzens ergötzen,« rief die Irre die Hände ringend. »Sie werden mich retten, mich, das unglückliche Opfer der schändlichsten Cabale, Sie werden meine Wehschreie, die in diesen schrecklichen Mauern ungehört verhallen, zu den Ohren der Gerechtigkeit bringen und mich vor Wahnsinn oder Selbstmord bewahren. Ja, vor Wahnsinn und Selbstmord, denn ich bin auf dem Wege, der dahin führt. Belehren Sie die Gerechtigkeit, daß meine herzlosen Kinder mich aus schnöder Geldgier hier gefangen halten.« Dies und Aehnliches brachte sie schluchzend hervor, ihren Augen entstürzten bittere Thränen, ihr Körper bebte unter der Wucht erdrückender Gefühle und es war sichtbar, daß die Gebilde ihres kranken Geistes ihr herben Schmerz bereiteten. Die Gebilde ihres kranken Geistes – denn Margarethe versicherte Zerlinen, daß die verlogene Komödiantin kein wahres Wort rede, sie habe ebensowenig Kinder geboren, wie die Fahrstraße ein Blumengarten sei. Sie nehme sich Komödiantengewinsel nie zu Herzen, denn sie wisse, was dies werth sei. Die Oberwärterin führte dann den gestudirten weiblichen Doctor durch viele Räume, erzählte die Krankengeschichten der Irren mit ermüdender Weitschweifigkeit und ließ keine Gelegenheit unbenützt, um fremde Worte durch komische Verrenkungen entstellt anzubringen. In einem Corridor angelangt bemerkte sie, hier wären die Wohnzimmer für die Kranken der ersten Classe. Die Reichen hätten krank oder gesund, lebend oder todt, immer das Beste auf dieser Welt. Der Pater Josefus versichere wohl, dem Armen gehöre das Himmelreich; darauf gebe aber der Bäcker kein Brod. Sie nahm eine Prise und schlug den Deckel der Tabaksdose heftig zu. In Nr. 85 wohne eine Gräfin, ein Kobold an Bosheit, berichtete sie dann weiter. Eine Zunge habe die wie ein scharfgeschliffenes Messer. Seitdem sie in die Anstalt gekommen, sei Alles aus Rand und Band. Sie sei von einer Wuth besessen, Vereine zu schaffen und Vorträge zu halten, und habe mit ihrer Tollheit viele kranke Lämmer in reißende Wölfe verwandelt. Da würden beständig Sitzungen abgehalten, bei denen die Gräfin als Präsidentin das große Wort führe, da werde ein gelehrter Krimskrams zusammengedroschen, daß Einem der Kopf summe und brumme. Der Präsidentin stehe eine Partei feindlich gegenüber, an deren Spitze sich eine Sozinalkroatin befinde, eine schreckliche Person, die just Alles von oberst zu unterst kehren wolle, um gefrorenes Feuer und brennendes Eis zu haben. Sie, Margarethe, habe gegen die Sozinalkroatinnen eine ähnliche Wuth wie gegen die Komödiantinnen. Diese Weibsbilder verlangen, es sollte alles Mein und Dein aufhören. Wenn es nach dem Sinn dieser Tollen ginge, so hätte jede einen Theil an ihrem Ferdi. Auch einige Emanzipandlerinnen wären bei diesen Sitzungen und hätten nicht die wenigsten Raupen im Hirn. Nicht daß sie, Margarethe, gegen das Emanzipandeln einzuwenden hätte, im Gegentheil, sie wäre stets bereit das Recht der Frauen mit Mund und Faust gegen die Mannsbilder zu vertheidigen. Aber was zu viel, sei zu viel. Der Himmelvater sei an dem Unrecht, daß die Mannsbilder Alles an sich gerissen haben, unschuldig wie ein neugeborenes Kindlein und deshalb dürfe ihm kein Haar gekrümmt werden. Wenn das Weib dem Herrn Obenaus beweisen wolle, daß es ebenso viel Verstand zum Gestudiren habe wie sie, das lasse sie sich gefallen, aber den Herrgott aus dem Himmel und den Gottseibeiuns aus der Hölle dürfe das Weib nicht vertreiben. Es sei eine Sünde an alle die Gottlosigkeiten des ruchlosen Tarfin zu glauben. Haarsträubende Dinge habe eine Emanzipandlerin bei der letzten Sitzung von diesem Tollen erzählt. Er verstehe alle lebenden, kranken und todten Menschensprachen und auch die Sprache vom lieben Vieh. Durch das liebe Vieh habe er nun erfahren, daß unsere Großeltern wahre und wirkliche Affen gewesen wären. Margarethe sei fast vom Schlag getroffen worden, so niederschmetternd habe diese Schreckenskunde auf sie gewirkt, denn die Tolle wisse ihren Unsinn so vernünftig vorzutragen, daß man schier meine, es spreche der Herr Director zu den Gestudirten. Sie waren jetzt an der Thüre eines Saales, aus welchem ihnen lautes Reden entgegen tönte, angelangt.
»Schon wieder eine Sitzung,« knurrte die Oberwärterin und öffnete die Thüre. In der Mitte des Saales saß vor einem mit Papieren bedeckten Tische eine großgewachsene Frau mit schwarzen, funkelnden Augen und mit einem unzarten Anflug um die rothen, fleischigen Lippen. Ihr zur Seite gewahrte Zerline eine welke Gestalt mit wasserblauen Augen und flachsblonden Schmachtlocken. Laut schwatzend und gesticulirend saßen Frauen in verschiedenen Gruppen. Kraus und bunt schwirrten die Stimmen durcheinand und machten es unmöglich, die Worte, die Margarethe an die Vorsitzende richtete, zu vernehmen. Das Glockenzeichen der Präsidentin machte erst Alle verstummen. Die Oberwärterin erbat nun für einen gestudirten weiblichen Arzt die Erlaubniß, der Sitzung beiwohnen zu dürfen. Dies Ersuchen wurde von der Vorsitzenden erst nach langem Bedenken und mit nicht sehr freundlicher Miene gewährt. Margarethe schob nun für Zerline einen Sessel nahe dem Ausgange zu und begann ihr die Mitglieder der Sitzung zu bezeichnen. Die Gruppe zur Rechten waren die Vereinsnärrinnen, die treuen Anhängerinnen der Präsidentin, die Gruppe zur Linken die Sozinalkroatinnen, die in der Mitte die Emanzipandlerinnen. Die schattenhafte Gestalt neben der Präsidentin bezeichnete Margarethe als Fräulein Rosalinde Zimperling, eine alte, versauerte und vertrauerte Jungfer, voll Falschheit, Bosheit, Tücke, Neid, Schwatzhaftigkeit, Gefallsucht und Putzsucht. Sie häufe allen möglichen Spott und die bitterste Verunglimpfung mit Schrift und Wort auf die Emanzipandlerinnen, versicherte die Oberwärterin und zweifelte auch nicht, daß Zerline bald erstaunen werde, wie solch ein mageres Gefäß so viel Gift enthalten könne.
»Fahren Sie in Ihrem Vortrage fort, Fräulein Nani,« rief jetzt die Vorsitzende mit einer Stimme, die alle Fensterscheiben klirren machte.
Ein junges, schönes Mädchen zur mittleren Gruppe gehörend, erhob sich und begann mit wohlklingender Stimme:
»Meine freundlichen Zuhörer! Ich will Ihnen nun klar darthun, daß alle diese Sophismen nur dazu dienen, um den menschlichen Geist ad absurdum zu führen. Cogito, ergo sum! Welcher Unsinn! Ich esse, trinke und bewege mich, ist viel richtiger gesagt, denn dieser Beweis ist jedenfalls viel sicherer geliefert durch den Hinweis auf Dinge, die der realen Welt entstammen und unseren Sinneswahrnehmungen zugänglich sind, als durch den auf das Denken, der Mutter der Phantasie, die selbst ein Trugbild uns nur Trugbilder vorgaukelt. Möge der Mensch sich das Ebenbild des Weltgeistes nennen, möge er das Denken als ausschließliches Privilegium reclamiren und seinen Stolz dareinsetzen alleiniger Besitzer desselben zu sein, es ist für die Existenz keine conditio sine qua non und bleibt somit nur ein unwesentliches Attribut derselben. Wie traurig ist es überhaupt damit bestellt! Der Gedanke entsteht nicht in uns, wir können ihn nicht nach Willkür hervorzaubern oder bannen, er wird uns von außenher aufoctroyirt, beherrscht uns gegen unseren Willen, wir sind nicht sein Herr, sondern Sclave desselben, und darum bleibt es noch immer zweifelhaft, ob das Denken ein schönes, erhabenes Besitzthum, ob es die Quelle des Glückes und der Zufriedenheit, oder nicht vielmehr die alles Unheils und menschlichen Elends sei.« Hier machte die Sprecherin eine Pause und labte sich mit einem Schluck Wasser. Das Auditorium setzte alsbald die Sprachwerkzeuge in Bewegung, um sich für die bis nun auferlegte Enthaltsamkeit möglichst schadlos zu halten. Das Glockenzeichen und der Befehl, Fräulein Nani möge in ihrem Vortrage fortfahren, durch die gefürchtete Präsidentin gegeben, stellte sofort die Ruhe wieder her. Margarethe versicherte Zerlinen, Nani spreche gottvoll, aber wie sollte sie ihren Verstand nicht verloren haben, wenn solche grausliche heidnische Worte in ihrem armen Schädel spukten.
»Wie manche herbe Stunde, wie manche grausame Marter wäre uns erspart, wenn wir uns dieses geistigen Joches entledigen könnten,« fuhr Nani in ihrem Vortrage fort. »Vergebens suchen wir unsere Gedanken zurechtzusetzen, oder ihnen eine uns beliebige Richtung zu geben. Der Impuls von außen ist gegeben, und keinem andern Gedanken Raum gebend, zuckt es wie Blitz auf Blitz in unserem Hirn und wieder und immer wieder wird der Gegenstand beleuchtet, den wir in Nacht und Dunkel begraben möchten.« Die letzten Worte sprach sie mit bebender Stimme, ihr Blick wurde trüb und umflort, dann preßte sie die Hände an die Brust und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.
»Eine schöne Bescherung! Jetzt verfällt sie in ihren Praxismus,« knurrte die Oberwärterin und befahl einer ihrer Untergebenen die aufgeregte Kranke in ihre Wohnstube zu führen. Dann wendete sie sich an Zerline und belehrte sie, daß die arme Nani ihren jammervollen Zustand einem Mosje Ohneherz verdanke. Für die Herren Allesmir sei eine gestudirte Frau Zacherls Schabenpulver, deshalb habe der Mosje, dem sie ihr Herz zugewendet, der Armen eine Mamsel Ohnehirn vorgezogen.
»Die Närrin sollte nie zu einem Vortrage zugelassen werden,« eiferte die schmachtlockige Rosalinde. »Das Denken nennt sie ein geistiges Joch, die Quelle alles Elends. Gibt es ein schöneres, erhabeneres Recht für die Menschheit als das Denken? Der Gedanke ist nur dann verwerflich, wenn gewisse Personen ihn zu thörichten und verwerflichen Zwecken mißbrauchen.« Ein verächtlicher Blick wurde jetzt der mittleren Gruppe zugeschleudert.
Die Glocke der Präsidentin ertönte bald wieder. Es wurde Fräulein Rosalinden das Wort ertheilt.
»Na, da werden wir was Schönes zu hören bekommen,« flüsterte die Oberwärterin Zerlinen zu. »Dieses Reibeisen schindet immer die armen Emanzipandlerinnen bis auf's Blut.«