Rosalinde begann nun mit schriller, kreischender Stimme eine geharnischte Rede gegen die furchtbarste Geißel der Jetztzeit, gegen die streitwüthigen Amazonen loszudonnern. Sie versicherte, nichts sei diesen Zerrbildern, diesen Unnaturen heilig. Das Edelste, Erhabenste werde von ihnen begeifert, verspottet, verlästert und in den Koth gezogen. Alle weiblichen Tugenden würden von ihnen lächerlich gemacht, alles Ehrwürdige mit Füßen getreten. Sie reden der Schamlosigkeit, der Frechheit, der Gottlosigkeit das Wort und wollten das Frauengeschlecht demoralisiren und zur frechsten Verhöhnung der göttlichen und menschlichen Gesetze aufstacheln. Da nun das Gesetzbuch leider keine Strafe für diese Ruchlosigkeiten habe, da man diese Verbrecherinnen nicht, wie sie es verdienen, mit dem Schwerte des Rechtes ausrotte, da man ihnen nicht die verleumderischen Zungen ausreiße, die räuberischen Hände nicht abhaue und sie nicht wie giftige Schlangen zertrete; so erhalte sie, Rosalinde, ihre Behauptung aufrecht, daß man dieses schändliche Treiben nicht länger dulden dürfe. Mit Wort und Schrift müsse man gegen dies vielköpfige Ungeheuer kämpfen. Deshalb stelle sie den Antrag, daß alle ihre Mitschwestern, alle wahren Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit, sich bei der Gründung ihres proponirten Blattes betheiligen sollten. Dies Blatt sollte »der Feuerbrand« heißen und dadurch, nur dadurch würde die verderbliche Hydra ausgerottet werden. Dies Blatt mit den dazugehörigen Illustrationen werde sie ihren Gesinnungsgenossinnen sofort zur Einsicht unterbreiten. Der hohe Zweck desselben sei, durch sprühenden Witz und niederschmetternde Beweiskraft allen Uebergriffen der weiblichen Demagogie zu steuern und sie mit der Knute der Lächerlichkeit in die angewiesenen Schranken zurückzujagen.
»Die maustolle Trude. Da werden wir etwas Apartes zu hören bekommen,« knurrte die Oberwärterin, den Deckel ihrer Tabaksdose heftig zuklappend. Zerline ihrerseits unterdrückte mühsam ihr Gähngelüst.
Inzwischen hatte Rosalinde ein Papier entrollt und begann den »Feuerbrand« gegen die weiblichen Unnaturen zu schleudern. Das erste Bild, erklärte sie, sei der emancipirte weibliche Arzt am Secirtische. Die ungraziöse Gestalt in halbmännlicher Kleidung, das kurzgeschorene Haar, die Cigarre im Munde, die Aermel aufgestreift, die blutbefleckte Hand mit dem Secirmesser bewaffnet, habe nichts Weibliches mehr an sich. In dem Blicke, den sie starr auf das bloßgelegte Herz eines weiblichen Cadavers gerichtet habe, male sich weder Scheu noch Gemüthsbewegung, der Blick drücke nur ein tiefes Erstaunen über eine entdeckte Abnormität aus, die sie bei allen Cadavern von emancipirten Frauen entdecke, die Abnormität sei, Atrophie des Herzens.
Die Oberwärterin machte ihrer Entrüstung durch einen neuen energischen Klaps auf den Deckel der Tabaksdose Luft und blickte dann erstaunt auf Zerline, die zu ihrer Bonbonnière Zuflucht genommen hatte, um das Gähngelüst zu bewältigen. Der gestudirte weibliche Doctor blieb ruhig bei den boshaften Ausfällen der mageren Giftblase. Margarethe konnte diese Gelassenheit nicht begreifen.
Jetzt erklärte Rosalinde das zweite Bild. Dies veranschaulichte den weiblichen Staatsanwalt, der in der jugendlichen Verbrecherin, die vor den Schranken des Gerichtes erscheint, die eigene Tochter erkennt. Bis auf diese Stufe der moralischen Verkommenheit war das Kind durch den Mangel an Aufsicht von Seite der emancipirten Mutter angelangt. Nun kam Rosalinde zum dritten Bild, welches die moderne Philosophin skizzirte. Diese saß vor einer verschwenderisch besetzten Tafel und hielt einen schäumenden Pocal in Händen. Das rothe, aufgedunsene Gesicht, der stiere Blick und die verschobenen Kleider zeigten von einer emancipirten Ausschreitung und der sinnliche Mund stammelte: »Ede, bibe, lude, post mortem nulla voluptas.« Das vierte und letzte Bild zeigte die Zukunftstheologin auf der Kanzel. Der Text ihrer Predigt war die Darwinsche Theorie und die freie Liebe. »Dies ist das trostreiche Zukunftsbild der weiblichen Demagogen, zu solchen Ausschreitungen wird sie ihr unnatürliches Gelüste treiben,« schloß Rosalinde ihren Vortrag.
Ein verkrüppeltes Wesen mit wirrem, struppigem Haar wackelte jetzt auf Rosalinde zu und declamirte aus einem Volksliede:
| »Wann d' Papageien Concerte geb'n |
| Und d' Affen a Soirée, |
| Die Schwalben man füttert mit Ziweb'n, |
| Und die Wanzen mit Kaffee |
| Und der Bandlwurm a Seiden spinnt, |
| Der Esel Eisschuh schleift |
| Und die Leut' auf'n Kopf gar stehen, |
| Wird dös a g'schehen.« |
Rosalinde stieß sie unsanft von sich und wendete sich zu ihren Anhängerinnen, deren Gratulationen und Beifall ihr im vollsten Maße zu theil wurde. Die Wuth ihrer Widersacherinnen machte sich durch Zischen und Schmähungen Luft. Zu diesen gehörte selbstverständlich auch die Oberwärterin.
»Erhebt sich denn gar keine Hand, um diesem Krokodil die Zähne auszubrechen,« knurrte sie, eine Faust im Sack machend. »Die Giftblase spielt jetzt die erste Geige. Wenn ich gestudirter Doctor wäre, sollte sie einen Denkzettel kriegen, den sie sicherlich nicht hinter den Spiegel stecken würde. Das boshafte Weibsbild scherwenzelt um die Herren Allesmir und gönnt den armen Emanzipandlerinnen nicht das bischen Freiheit, weil sie mannstoll ist und durch ihre Kriecherei die Männer erobern möchte. Ihre Krankheit ist ja die Manonymphie, die Mannsucht.«
Die linke und mittlere Gruppe waren in zorniger Aufregung. Sie schrien und kreischten und gesticulirten, während Rosalinde, um die sich ihre Anhängerinnen geschaart hatten, höhnisch auf ihre Widersacherinnen herabsah.