»Frau Pelten will reden. Na, die wird der Viper kein Kleingeld auf ihre Münze zurückgeben,« murmelte Margarethe, sich vergnügt die Hände reibend.

Eine stattliche Frau nahm jetzt das Wort. Sie versicherte, daß die Geistesschärfe und Logik, mit denen die drastischen Bilder entworfen wären, der Spenderin dieser kostbaren Geistesperlen einen unvergänglichen Ruhm sicherten. Solch edle Selbstlosigkeit im Kampfe für Weiblichkeit und Frauenwürde könne wahrlich nur das gefühlvolle Herz einer nicht emancipirten Frau beseelen. Das Für und Wider der Frauenemancipation wolle sie hier nicht erörtern, dies sei eine Frage der Zeit. Die Zukunft werde lehren, ob dies wirklich ein göttliches und natürliches Recht wäre, daß das Weib allein unverrückbar an einem Standpunkte geschmiedet bleiben solle. Nur dies bleibe ihr dunkel, warum die Hüterin des Palladiums der Weiblichkeit behaupte, daß die Aufklärung, und das Streben nach Freiheit, alle zarten Blüthen der Gefühlswelt entwurzelten. Diese hätten ja erst die köstlichsten Blüthen zur Entwicklung gebracht. Die Aufklärung, das Denken über Menschenrechte und Menschenwürde könnten der Weiblichkeit nicht Abbruch thun und seien nicht gottlos. Die Menschenvernunft sei ja ein Ausfluß der Gottesvernunft und daher ihr ähnlich, sie sei das Organ des Verständnisses mit Gott, der Impuls zur wahren Erkenntniß und der Wegweiser zur reinen Religion. Die Erweiterung des geistigen Horizontes, der Fortschritt und die immerwährende Weiterentwicklung der Menschheit, bis sie die Vollendungsstufe erreiche, dies sei ja der wahre Gottesgedanke. Warum sollte also das urewige Wesen dem Weibe den göttlichen Funken, den Verstand, gegeben haben, wenn man von ihm nur stumpfe, sterile Gläubigkeit fordert? Sollte das große, gütige Wesen verlangen, daß die Frau nicht denke, nicht nach Freiheit, nach Selbstständigkeit strebe, daß sie nur an die höhere Befähigung und Einsicht, an die Erhabenheit und Oberhoheit des Mannes blindlings glaube? Dies sei das ungerechteste Verlangen, das je einem Menschenhirn entsprang, denn göttlich sei sein Ursprung nicht. Der mächtige Weltgeist verbiete keinem vernunftbegabten Wesen das Joch der Vorurtheile abzuschütteln, die Bande, welche den Geist umwinden und ihn stumpf und unfähig machen, zu sprengen. Er gebiete den Aufschwung zum Menschenrecht und das Emporstreben zur Freiheit.

Margarethe schüttelte unzufrieden den Kopf. Dies war, wie sie Zerlinen zuflüsterte, die Antwort nicht, die sie dem Giftpilz gegeben wissen wollte. Wie Taubeneier groß sollten Hagelkörner dicht über das schuldige Haupt daniederschmettern, und da kam ein leichter Regenschauer mit Rosenwasser parfümirt. Zu Rosalinde müßte ein scharfzüngiges Höckerweib reden und nicht Frau Pelten, eine berühmte Bücherschreiberin. Zerline erhob sich nun von ihrem Sitze. Die Abhandlungen pro und contra Emancipation waren ihr herzlich gleichgiltig. Ein gescheites Weib, dachte sie, benöthigt keine officielle Anerkennung seiner Rechte. Es weiß die eingebildeten Obergötter in demüthige Sclaven umzuwandeln. Sie fand selbstverständlich kein Interesse an diesem Wahnsinn, der sich so vernünftig geberdete, und bat Margarethe sie zu Geisteskranken zu geleiten, die ihre Verrücktheit nicht mit dem Gewande der Vernunft bekleideten. Schon wollte die Oberwärterin ihren Wunsch erfüllen, als eine ältliche Frau mit markirten Zügen das Wort verlangte.

»Die Sozinalkroatin will reden,« rief Margarethe aufjubelnd. »Na, da kommt es gesalzen und gepfeffert. Ich habe gegen die Sozinalkroatin eine Wuth, wenn sie aber dem Kratzeisen da die Zähne stumpf macht, will ich es ihr nicht vergessen.« Sie bat nun Zerlinen noch eine Weile sich zu gedulden, um die Genugthuung zu haben, die Schmerzensschreie Rosalinde's zu vernehmen, wenn die scharfen Krallen der Sozinalkroatin sich in ihr Gerippe einbohren würden. Während die Präsidentin die Ruhe bei dem wildaufgeregten Auditorium herzustellen suchte, berichtete Margarethe Zerlinen, daß Frau Pelten, die berühmte Bücherschreiberin, bald die Anstalt verlassen würde. Sie sei vor Gram tiefsinnig gewesen, weil ihr Gatte, ein gewissenloser, dummer Ohnehirn, die gebildete Frau schrecklich mißhandelt und ihr sogar unter dem Vorwande, sie habe durch das Bücherschreiben den Verstand verloren, die Erziehung ihres Töchterchens entzogen habe. Nun sei sie von ihm los und ledig, sie sei von ihm gesetzlich geschieden und könne nach Herzenslust berühmte Bücher schreiben. Die Sozinalkroatin bilde sich ein, fuhr sie dann fort, sie sei dazu berufen, die Ordnung auf der lieben Gotteswelt herzustellen und deshalb wolle sie Alles zu gemeinem Gut machen. Sie habe Margarethen erklärt, Alles müsse Allen gehören. Ihr Mund sei ein feuriges Schwert, versicherte die Oberwärterin, und die mustergiltigste Feuerwehr würde sich vergeblich anstrengen diesen Höllenbrand zu ersticken.

Inzwischen hatte das Wortgefecht wieder begonnen. Die Glocke der Präsidentin und ihre eindringliche Stimme hatten sich endlich Gehör verschafft.

»Auch ich will ein Bild entwerfen,« rief die Sprecherin, »ein wahrheitgetreues Bild von den Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit und auch von ihrer Anführerin, der giftgeschwollenen Natter, die feig in die Ferse sticht und die an Bosheit, Heuchelei, Arglist und tückischen Ränken alle ihre Anhängerinnen überflügelt.«

»Man muß ihr das Wort entziehen,« schrie Rosalinde zornglühend.

»Warum nicht gar,« rief die Oberwärterin, die Hände in die Seiten stemmend. »Was Einem recht, muß dem Anderen billig sein. In unserer Anstalt darf jeder frei von der Leber weg reden. Wer nicht hören will, kann gehen.«

Die dünne, lange Gestalt Rosalinde's zitterte vor Wuth. Ihr grimmig funkelndes Auge starrte bald die Oberwärterin, bald die Socialdemokratin mit unsäglichem Haß an.

Die Rednerin begann nun eine drastische Schilderung dieser Kämpferinnen für die das Gemüth verfeinernde, verschönernde, veredelnde Weiblichkeit zu entwerfen. Als Mädchen, versicherte sie, blieben diese zarten Naturen Jahre hindurch bei der Zahl »zwanzig« stehen und erst wenn sie plötzlich unter den Augen gewisse ominöse Linien entdeckten, wenn der Teint gelb wie eine langgebrauchte Messerscheide würde, wenn das Haar sich zu lichten beginne und indiscrete Silberfäden auftauchten, erst dann entschließen sich die zarten Lianen den ersten besten Stock als Stütze zu nehmen und die Stufen der »Fünfundzwanzig« zu erklimmen. Als verheiratete Frauen klammern sie sich mit verzweifelter Anstrengung an die Zahl »dreißig«, drücken einen unüberwindlichen Abscheu gegen das barbarische Mittelalter aus und wollen, o seltsamer Widerspruch! doch nicht fortschreiten, ja sie bestreben sich sogar Rückschritte zu machen. Sie leben so lange im Wahne, daß sie glauben machen, was sie glauben machen wollen, bis die Nemesis in Gestalt mannbarer Töchter sie zur grausamen Wirklichkeit zurückführe. Solch sprechende Beweise vermögen sie nicht mehr hinwegzudisputiren. Nun höre wohl der Kampf gegen den schonungslosen Saturn auf und sie singen endlich ihrer längst dahingeschiedenen Jugend das requiescat in pace. Dafür aber nehmen sie bei der ersten Condolenzvisite des Alters sofort von all' dessen Privilegien Besitz und werden augenverdrehende Frömmlerinnen und Jüngerinnen der Medisance. Als Lady Tartuffe, die vom Scandal zum Sacrament gegriffen, verstehen sie es meisterhaft ihre Antecedentien mit dem Deckmantel der Heiligkeit zu drapiren und mit gegen Himmel gerichteten Blicken über die Verderbtheit der Menschheit zu jammern. Als Jüngerinnen der Medisance wären sie ein furchtbares Tribunal. Wehe den Unglücklichen, die der Macht dieser Cannibalinnen anheimfielen. Jugend, Schönheit, Talent, Edelsinn, Hochherzigkeit wären da verdammenswerthe Verbrechen, die mitleidlos geahndet würden. Um vor der Verfolgungswuth dieser Harpien gesichert zu sein, müsse man die höchste oder niederste Stufe auf der socialen Leiter einnehmen. Wer nicht gefürchtet oder übersehen werde, der fühle, wie diese Ungeheuer mit vereinten Kräften an dem Piedestal seines Glückes rüttelten, um dies gewaltsam zu zertrümmern. »Diese Weiber nun nennen sich die Kämpferinnen für die Weiblichkeit,« schloß die Sprecherin ihre Rede. »Sie verfolgen alle ihre Schwestern, die nicht ihrem Bunde angehören, die den Muth haben nach Freiheit, nach Menschenrecht, nach Selbstständigkeit zu ringen, sie begeifern Alle, welche die Schwächen der zarten Naturen abgestreift, das heißt, welche keine rührenden Sprüche, keine schönen Redensarten, keine frommen Tractätchen und keine gleißnerischen Thränen mögen; sie verfolgen die Zerrbilder, welche die Eitelkeit, die Gefallsucht, den Eigensinn, die Unbeständigkeit, die Klatschsucht, all' diese reizenden Attribute der zarten Naturen abgestreift haben, um ohne Scheu zu behaupten, daß Freiheit und Menschenrecht nicht das Monopol Einzelner, sondern Gemeingut sein müsse.«