Ein anhaltender Beifall ihrer Parteigängerinnen begleitete die Schlußworte der Sprecherin. Dann aber folgte ein solch lautes, verwirrtes Gebrause von Stimmen, daß man nichts Deutliches mehr vernehmen konnte. Die Wuth der rechten Gruppe war in hellen Flammen ausgebrochen. Mit wildem Geschrei, mit drohend geballten Fäusten begannen sie alsbald auf ihre Widersacherinnen einzudringen. An ihrer Spitze gewahrte Zerline die Präsidentin die Glocke schwingend, um sich derselben als Wurfgeschoß zu bedienen. Ihr zur Seite befand sich Rosalinde mit funkelnden Augen wie eine wilde Katze, die mageren Hände mit den krallenartig zugespitzten Nägeln drohend erhoben. Ehe jedoch die zarten Naturen mit den starken Naturen handgemein werden konnten, hatten einige handfeste Wärterinnen sie auseinandergebracht und in ihren Wohnstuben internirt.

Die Oberwärterin erzählte nun Zerlinen, während sie sich in eine andere Abtheilung begaben, der Schluß jeder Sitzung gleiche dem der nun stattgefundenen. Die schattenhafte Jungfer Rührmichnichtan könne keine Wahrheit verdauen und erwiedere diese durch Prügelargumente. Der Herr Doctor nenne diese Kämpfe den Frosch- und Mäusekrieg. Nun begann Margarethe wieder die Krankengeschichten ihrer Pfleglinge zu berichten. Auf Nr. 89 wohne eine gefährliche Irre, ein altes Mütterchen, das durch die Schlechtigkeit eines herzlosen Kindes den Verstand verloren habe. Die entartete Tochter habe der braven Mutter einen Schimpf zugefügt, den ein ehrliches Mutterherz nicht verwinden könne. Das tolle Lamm bilde sich nun ein, böse Geister wollten ihr Kind verleumden und kämpfe gegen diese Teufel. In Nr. 90, belehrte die Oberwärterin weiter, wohne eine arme Närrin, welche die Treulosigkeit ihres Gatten in die Anstalt gebracht habe. Er habe das schöne liebe Weib um einer Komödiantin willen verlassen und dadurch dem Wahnsinne überliefert. Jetzt weine sich die arme Närrin um das liederliche Tuch die Augen aus. Nach diesen Worten öffnete sie die Thüre von Nr. 90.

Auf einem Lehnstuhle saß eine weibliche Gestalt bleich und mit eingesunkenen Wangen, um die das reiche dunkle Haar in aufgelösten Strähnen herabfiel. Die großen, düster glühenden Augen starrten in die Ferne, die Brust hob und senkte sich rasch und die weißen, durchsichtigen Hände zuckten krampfhaft, bald sich öffnend bald sich wieder zusammenziehend.

»Sie denkt immer an den Gewissenlosen, der ihr um einer liederlichen Komödiantin willen das bitterste Herzleid zufügte,« flüsterte Margarethe Zerlinen zu. »Um seinetwillen hat sie sich in's Wasser gestürzt. Als man die Arme mit knapper Noth den Wellen entriß, mußte man sie zu uns in die Anstalt bringen. Diese freche Komödiantin soll der leibhafte böse Geist sein, schöner als alle Weiber und schlechter als alle Mannsbilder. Na, wenn die meinen Ferdi mit ihren schamlosen Teufelskünsten verlockt hätte, würde ich etwas Anderes thun, als mich in's Wasser stürzen und den Verstand verlieren. Meine Nägel würden ihre Larve in eine wahre Teufelsfratze verwandeln.«

Die Irre hatte jetzt die Eintretenden bemerkt. Sie erhob sich von ihrem Sitze, näherte sich langsam Zerlinen und richtete ihr großes Auge mit unsäglicher Schwermuth auf die Besucherin.

»Kommen auch Sie, Aermste, hierher, um eine Zuflucht zu suchen?« frug sie mitleidig. »Für ein hartgetroffenes Gemüth liegt die Heilung einzig und allein nur in der Abgeschiedenheit von der Welt und im Aufgeben jeglichen Kampfes gegen Tücke und Bosheit. Ja, Tücke und Bosheit führen das Scepter auf Erden und treten das Recht mit Füßen,« fuhr sie düster fort. »Was man uns auch vom Lohn der Tugend und von der Strafe des Lasters erzählen mag, dies Alles ist erdichtet. Das Böse triumphirt, das Gute wird mißhandelt. Einst war ich eine überspannte Träumerin,« fuhr sie nach einer Pause mit zuckenden Lippen fort, »einst sah ich Alles vom Glanze seliger Hoffnung umstrahlt. Damals erschien mir die Welt als blühender Zaubergarten, die Menschen sah ich als Engel an, ich lebte noch in den Träumen der Märchenwelt, die unsere Kindheit beglücken. Die drei Himmelslichter Glaube, Liebe und Hoffnung flammten hell und leuchtend in meiner Seele. Der Traum war voll überirdischer Wonne. Da erloschen der Glaube und die Hoffnung miteinander, und finstere Nacht mit all ihren Schrecknissen umgab mich.« Nach diesen Worten hielt sie wie von der Wucht schrecklicher Erinnerungen daniedergedrückt, einige Augenblicke inne.

Zerline athmete kaum. Hier sah sie den Schmerz ungekünstelt und doch mit solch hinreißender Wahrheit ausgedrückt. So und nicht anders mußte sie als Ophelia sprechen, diese Bewegungen mußte sie copiren. Der Wahnsinn sollte von ihr mit unerreichbarer Virtuosität dargestellt werden, keine Rivalin sollte ihr je darin gleichkommen. Solche und ähnliche Gedanken erfüllten den Kopf und das Herz der Bühnen-Heroine. Sie ahnte nicht mit welch furchtbarer Wahrheit sie bald eine Rolle, ohne diese zu studiren, spielen sollte.

»Gibt es einen größeren Schmerz, als vom Manne, den man über Alles liebt, verrathen und betrogen zu werden?« fuhr die Irre wie im Selbstgespräch fort. »Ein Dämon hat meine heiligsten Empfindungen, meine seligsten Hoffnungen mit kalter Berechnung gemeuchelt, eine farbenprächtige Natter hat sein Herz vergiftet und seine Liebe zu mir ertödtet. Die Welt erschien mir nun als Wildniß mit reißenden Thieren bevölkert, das Leben wurde mir eine Bürde. Mein greiser Vater suchte mich nun durch die Versicherung zu trösten, daß allüberall, an den glühenden Sandsteppen der Sahara, wie an den Eisfeldern der Polargegenden, da, wo die Menschheit im primitiven Zustande vegetirt, und dort, wo sie den Zenith der Cultur erreicht zu haben wähnt, allüberall, sagte er, werde oft Liebe und Vertrauen mit Verrath gelohnt. Wie vermochte aber der Schmerz anderer Verrathenen mein Weh zu mildern und die feurige Lohe, die in meinem Innern brennt, zu löschen. Diese Flammen brennen fort und verzehren meine gefolterte Seele.« Hier preßte sie die Hände gegen die Stirn und stöhnte laut und schmerzlich.

Zerline lauschte lautlos mit zurückgehaltenem Athem. Mit Freuden würde sie ihren kostbarsten Schmuck geopfert haben, um dieses Mienenspiel, diese Handbewegung, diese erschütternden Töne ihr eigen zu nennen. Wie mußte solch ein Spiel das Publicum hinreißen, wenn sie, die Tragödin, davon so hingerissen wurde.

»Sie sind ja gleich mir eine arme Schiffbrüchige,« wendete sich die Irre wieder an Zerline. »Sie kennen also das gräßliche Gefühl, welches der Unglückliche empfindet, wenn er rings um sich her die Trümmer seines Lebensglückes sieht und wenn ihm in der finsteren Nacht der Verzweiflung kein Hoffnungsschimmer mehr blinkt.« Hier blieb sie wieder einige Augenblicke in düsteres Sinnen verloren stehen. »Im Traume verrieth er sich,« begann sie dann mit gehobener Stimme. »Jene Stunde brachte mir die gräßliche Wahrheit, so furchtbar, so unausbleiblich wie Elend und Tod. Robert liebte mich nicht mehr. Da saß mit einemmale die Natter,« sie schlug mit der Hand auf ihr Herz, »hier sitzt sie und will nicht weichen. Da fühlte ich es am ersten, da schmerzt es am heftigsten, da tönt es schaurig, er liebt dich nicht mehr, er liebt eine Andere. Seit jener Stunde verlor ich mich selbst, seitdem ich seine Stimme nicht höre, seinen Puls, seinen Hauch nicht fühle, war ich den finsteren Mächten verfallen. Mit einemmale vernahm ich Stimmen aus den blauen Fluten, Stimmen, die mir geheimnißvoll zuflüsterten, in die stille, friedliche Tiefe zu steigen, um da meinen glühenden Schmerz zu stillen. Die Wellen flüsterten so süß und lockend, daß ich dem Syrenensang nicht zu widerstehen vermochte. Ich stieg in die Tiefe, um Heilung und Vergessen zu suchen. Ich fand da keine Heilung und kein Vergessen,« fuhr die Irre mit steigender Erregung fort. »Der Wasserspiegel ist ebenso falsch wie Robert. Auch er birgt in seinem Innern gefährliche Abgründe, treulose Klippen und gräßliche Ungeheuer.«