Zerline begann jetzt ängstlich zu werden. Die Irre wurde immer aufgeregter, der Wahnsinn begann sich in furchtbarer Gestalt zu zeigen. Bei all' ihrer Opferwilligkeit für die Kunst konnte sich Zerline doch nicht enthalten der Oberwärterin ihren Wunsch, die unheimliche Kranke zu verlassen, auszudrücken. Margarethe beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, die arme Närrin sei harmlos wie ein Kind und ihr Praxismus erlösche wie nasses Holz.
Mit der Irren ging nun eine immer schrecklichere Veränderung vor. Ihr Antlitz bedeckte sich mit brennender Röthe, die Augen glühten in immer unheimlicherem Glanze, das Geberdenspiel wurde immer wilder und die Sätze wurden abgebrochen und mit heiserer Stimme hervorgestoßen.
»Sein Kuß – seine Liebesschwüre – hinreißende Lügen – Im Schlafe – ruft sein Mund – das Trugbild!« stieß sie mühsam hervor. »Da seht – da reckt die Natter – den Kamm aus dem Grase.« – Sie bezeichnete eine Vision ihres kranken Geistes. »Ihre Giftzähne beißen sich – in mein Herz ein!« schrie sie auf und preßte die Hand an die Brust.
Zerline wurde todtenbleich und wich erschrocken bis zur Thür zurück.
»Sie thut keiner Fliege was zu Leid,« versicherte Margarethe.
»Der Brand in meinem Kopfe wird immer stärker,« stöhnte die Irre. Plötzlich blieb sie in lauschender Stellung mit zurückgehaltenem Athem stehen. »Robert spricht im Schlafe,« flüsterte sie und blieb dann einige Augenblicke regungslos horchend. Mit einemmale zuckte sie zusammen und grub die Nägel in ihre Brust. »Sein Mund ruft Zerline,« schrie sie mit wilder Wuth. »Zerline, Teufelin vom Pesthauch der Hölle erzeugt, sei verflucht!«
Wäre der Blitz zu den Füßen Zerlinens eingeschlagen, dies würde kaum eine schrecklichere Wirkung auf sie hervorgebracht haben, als die Entdeckung, daß sie die Ursache vom Wahnsinn des unglücklichen Weibes sei. Sie war also die Komödiantin, welche das Liebesglück der zärtlichen Gattin zerstört hatte. Die leichtsinnige, eroberungssüchtige Männerbezwingerin vermochte beim Anblick der Jammergestalt, die sie vor Augen hatte, ein Gefühl, das sie nur selten empfand, das der Reue, nicht zu bemeistern. Ja das Schuldbewußtsein übermannte sie dergestalt, daß sie wie gelähmt dastand und mit weitaufgerissenen Augen auf die Geisteskranke starrte, deren Paroxysmus sich immer mehr steigerte. Schmerzensschreie eines gebrochenen Herzens wechselten mit flehentlichen Bitten an den Treulosen, sie nicht in Wahnsinn und Tod zu jagen und mit wilden Flüchen und Schmähungen gegen den Dämon, der ihr Glück gemeuchelt. Dies war die Agonie einer bis auf den Tod getroffenen Seele. In großen Tropfen perlte der Angstschweiß von der Stirn Zerlinens, ihre Füße waren wie am Boden festgenietet und vermochten sie nicht aus dem Bereiche der Schrecklichen zu tragen. Erst als dem Paroxysmus der Irren eine vollständige Erschöpfung folgte und die Unglückliche kraftlos und gebrochen zusammenbrach, erst dann wich die Erstarrung von Zerline.
Jetzt stürzte sie der Thüre zu und wollte entfliehen, da stellte sich ihr aber ein Hemmniß entgegen. Eine bleiche Frau mit einer Harfe in der Hand stand an der offenen Thüre.
»Du hier. Dich soll ich ja kennen,« murmelte die Neueingetretene und starrte Zerlinen mit ihren großen, seltsam glänzenden Augen an.
Kalter Schweiß perlte von Zerlinens Stirn. Sie wich erschrocken von der Thüre zurück. Diese Züge, diese Stimme waren ihr nicht fremd.