»Was willst du, Bänkelsängerin? Hier ist nicht der Ort, um deine unfläthigen Lieder auszukramen. Fort, Komödiantin,« knurrte Margarethe und unterstützte ihre Worte mit einer drohenden Geberde. Die Irre schien aber die Weisung der Oberwärterin nicht zu beachten, sie starrte auf Zerline, wie auf eine Vision und fuhr mit der Hand über die Stirn, als suche sie ihre Gedanken zu sammeln. »Ich weiß es jetzt,« rief sie plötzlich aufjauchzend. »Du bist Zerlinchen. Du kommst auch zu uns. Ha, ha, ha, die schöne Zerline kommt mir Gesellschaft leisten! Wir wollen lustig sein. Nur nicht weinerlich, Zerlinchen. Sollst ein lustig's Lied'l haben.«

»Schauts außi wie's regn't,
Und schauts außi wie's gießt,
Und schauts außi wie der Reg'n
Vom Dach abischießt.«

»Fort, Komödiantin,« schrie die Oberwärterin, nach deren Meinung diese Benennung den herbsten Schimpf enthielt. Die Volkssängerin wich knurrend zurück und forderte Zerline auf, die Verunglimpfung ihres Standes an dem alten Reibeisen zu rächen. Die Oberwärterin war nicht wenig über die ihr beigelegte Benamsung, wie auch über die dem gestudirten weiblichen Arzt angethane Beleidigung empört und lieh ihrer Entrüstung derbe Worte.

»Mein schönes Zerlinchen, welches alle Männer am Narrenseil führt, soll ein Quacksalber sein: Eine Schauspielerin ist sie. Ja das ist sie, du alte Truthenne, und wenn auch deine Kropfkorallen darüber braun und blau werden, bleibt Zerlinchen doch eine Theaterprinzessin,« kicherte die Irre zur nicht geringen Wuth der Oberwärterin.

Die erschrockene Zerline suchte nur die Thüre zu gewinnen. Sie fühlte sich dem Wahnsinn nahe, sie mußte aus dieser Behausung des Entsetzlichen entfliehen. Schon war sie dem Ausgange nahe, als sich ihr wieder ein Hemmniß in den Weg stellte. Eine Hand legte sich auf ihre Achsel und eine Stimme, die das Blut in ihren Adern erstarren machte, frug sie: »Du bist also Zerline?« Die Tragödin erbebte und blickte entsetzt in das verzerrte Antlitz der unglücklichen Gattin Roberts. »Du bist also Zerline?« wiederholte diese ihre Frage mit wachsender Aufregung. Vor Schreck außer sich, kaum wissend was sie that, beantwortete Zerline die verhängnißvolle Frage mit einer bestätigenden Kopfbewegung. Die Irre stieß nun einen Schrei aus, der dem Wuthgebrüll eines wilden Thieres glich, und umspannte mit rasender Gewalt das zarte Handgelenk der Tragödin. Diese schrie vor Schmerz und Schrecken laut auf und rief um Hilfe. Die Oberwärterin, der es endlich gelungen war die Bänkelsängerin aus dem Zimmer zu entfernen, eilte sofort herbei und suchte Zerlinen aus der Gewalt der Geisteskranken zu befreien. Weder Bitten noch Vorstellungen vermochten die Irre zur Nachgiebigkeit zu bewegen.

»Sie ist mein, die farbenprächtige Natter,« schrie sie in wilder Wuth. »Sie kam, um sich an meinem Todeskampfe zu weiden, um wie ein Vampyr das Blut aus meinem Herzen zu trinken, sie muß dafür mit mir den bösen Geistern verfallen. Ich will ihre Schönheit, mit der sie Handel treibt, vernichten, ich will ihr kaltes Herz, mit dem sie Liebe heuchelt, mit meinen Nägeln zerfleischen, ich will ihr die Giftzähne ausbrechen. Ein Scheusal soll sie äußerlich werden, wie sie es innerlich ist. Robert soll sie in ihrer wahren Gestalt sehen. Dann wird er sie von sich stoßen, wie er es mir gethan, und die feurige Lohe, die mich verzehrt, wird auch in ihrem Innern lodern.«

Vergeblich suchte Margarethe die Wuth der Irren durch Versicherungen und Schwüre, daß die Bänkelsängerin schamlos gelogen habe, zu beschwichtigen. Fräulein Doctor sehe doch nicht einem frechen Komödiantenweibsbild ähnlich. Diesen Ungeheuern sei ja ihr schamloser Beruf deutlich genug auf der Larve gepinselt, behauptete die Oberwärterin. Alle diese Beweise erwiesen sich aber fruchtlos. Die Geisteskranke wollte ihre Gefangene nicht freigeben. Als zuletzt Margarethe die Hand Zerlinens aus der Umklammerung mit sanfter Gewalt befreien wollte, da stieß die Irre einen schrillen Schrei aus und schleuderte die Zudringliche mit Riesenkraft von sich.

»Heilige Mutter Gottes, stehe uns bei! Sie wird tobsüchtig,« stöhnte die Oberwärterin. »Reizen Sie das tolle Lamm nicht, verhalten Sie sich ruhig. Ich will Hilfe herbeirufen,« flüsterte sie Zerlinen zu und eilte aus dem Zimmer.

Zerline hörte sie nicht, sie stand regungslos wie ein Steinbild und starrte angstvoll auf die Geisteskranke. Diese schien jetzt, da man sie durch die Versuche ihre Gefangene zu befreien nicht mehr reizte, ruhiger zu werden.

»Du bist also seine vergötterte Zerline mit der junonischen Gestalt, mit dem unergründlichen Feuerauge und mit dem goldenen Lockengeringel,« rief sie dann, die Tragödin mit den Augen verschlingend. »Ja du bist schön wie der Geist des Bösen, dessen verhängnißvolle Schönheit der Menschheit Jammer und Elend bereitet. Auch ich war einst schön, und Robert liebte mich, bis du Teufelin mich zu dem gemacht hast, was ich nun bin. Deine Schönheit soll wie die meine verderben. Auch du sollst trockene Thränen weinen, Thränen, die wie Gluttropfen auf die Seele fallen und sie in Brand setzen.«