»Gnade, Erbarmen!« stammelte Zerline angstvoll.
»Das Erbarmen, das du mit mir gehabt, will ich mit dir haben,« erwiederte die Geisteskranke.
»Du willst mich tödten,« murmelte Zerline auf die Knie sinkend und das todtenbleiche Antlitz mit den Händen bedeckend.
»Dich tödten? Nein. Du sollst leben und leiden und die Schale der Wiedervergeltung bis auf den letzten Tropfen leeren. Deine Schönheit will ich zerstören, und Robert soll dich von sich stoßen!« rief die Irre mit flammenden Blicken.
Zerline bebte wie Espenlaub. Sie fühlte sich schwach und hinfällig und war allein mit der Wahnsinnigen, hilflos ihrer Macht preisgegeben. Ihre Sinne schwanden, der Boden wich unter ihren Füßen, mit einem Schreckensschrei sank sie zusammen.
»Du darfst nicht sterben, du mußt leben und leiden, wenn Robert dich von sich stößt,« kreischte die Irre. Mit einemmale unterbrach sie sich und blieb lauschend stehen. Im Corridor ließ sich ein Geräusch von eilig nahenden Schritten vernehmen. Die Irre zuckte zusammen und wendete ihren Blick der Thüre zu. Sie sah Margarethe von zwei Wärterinnen begleitet in die Stube treten. Mit wilder Heftigkeit umschlang sie die bewußtlose Zerline und stellte sich in drohender Haltung der Oberwärterin entgegen.
»Jesus, das tolle Lamm wird das Fräulein Doctor erdrosseln!« kreischte Margarethe. Sie suchte die Irre zu begütigen. Als aber dies fehlschlug, da entschloß sie sich Gewalt zu gebrauchen. Sie befahl den Wärterinnen der Irrsinnigen eine Decke über den Kopf zu werfen und sich dann mit Gewalt ihrer zu bemächtigen. Die Wuth der Geisteskranken erreichte nun den Höhepunkt. Ihr Auge schoß wilde Flammen; mit einem Arm hielt sie Zerline umschlungen, der andere war drohend gegen die Wärterinnen erhoben.
Jetzt sauste die Decke durch die Luft. Die Irre, die Gefahr bemerkend, wich aber dem Wurfe aus. Die Lage Zerlinens wurde immer gefährlicher. Sie hing wie leblos in den Armen der Wahnsinnigen und gab auf alle Zurufe der Oberwärterin keine Antwort. Kalter Angstschweiß bedeckte die Stirne Margarethens. Sie befahl nun den Wärterinnen die Aufmerksamkeit der Irren zu beschäftigen, damit sie sich ihr unvermerkt nähern könne. Das gutherzige Weib flehte alle Heiligen um Hilfe in dieser Noth an. Sie wollte schon ihr Leben wagen, um die Wüthende zu bewältigen, wenn nur das Fräulein Doctor der Gefahr entrissen wurde. Ja es war mit nicht geringer Gefahr verbunden, der Irren ihr Opfer zu entreißen. Die Oberwärterin wußte aus Erfahrung, welche Riesenkraft der Wahnsinn dem schwächsten Körper verleiht. Gebete murmelnd spähte Margarethe auf den günstigen Moment, um ihr Vorhaben auszuführen, als Stimmen und eilige Schritte auf dem Corridor vernehmbar wurden. »Der Doctor! Wir sind gerettet!« schluchzte die Oberwärterin, die Hände dankend zum Himmel erhoben. Bald erschien auch der Arzt der Frauenabtheilung athemlos an der Thüre. Ein Blick genügte dem Psychiater, um das Schreckliche zu übersehen. Rasches Handeln war dringend nöthig, um die bewußtlose Zerline aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien, aber die Irre mußte besänftigt und nicht gereizt werden. Der erfahrene Psychiater befahl den Anwesenden das Zimmer zu räumen und begann dann langsam sich der Irren zu nähern. Er sprach sanfte, beruhigende Worte, die ihr versicherten, daß die Verfolgerinnen die Flucht ergriffen hätten. Die Wahnsinnige, die in einem Winkel zusammengekauert, Zerline fest an sich drückend dasaß, erhob beim Klange seiner Stimme das Haupt. Als sie den Arzt erblickte, verstummten ihre Schreie, die wilde Wuth begann zu schwinden. Je näher der Psychiater kam und je sanfter seine Worte erklangen, desto mehr legte sich die Aufregung der Unglücklichen. Als er nun endlich ihr gegenüberstand und sein durchdringendes Auge fest auf das ihre heftete, da wurde sie sanft und ruhig. Der Ring, den ihre Hände um Zerline geschlossen hatten, wurde jetzt immer loser, er löste sich bald ganz, und ihre Arme sanken schlaff hinab. Jetzt fing der Arzt die regungslose Zerline in seinen Armen auf und begann, das Antlitz der Irren zugewendet, langsam der Thüre zuzuschreiten. Immer noch erklangen die sanften, beschwichtigenden Worte und immer haftete sein fascinirender Blick auf der Irren, welche ihr Auge von dem des Psychiaters nicht loszureißen vermochte. Nun war er der Thüre nahe, die sich geräuschlos von außen öffnete. Noch ein Moment namenloser Angst, unsäglicher Bangigkeit für Margarethe und sie sah das Fräulein Doctor außer dem Bereiche der Wahnsinnigen.
Als Zerline zum Bewußtsein zurückkehrte, mußte sie eine niederschmetternde Anklage vom Arzte anhören. Das arme Weib, dessen Lebensglück sie zerstört hatte, war nun auch durch ihre Schuld in unheilbare Tobsucht verfallen. Scharf und verächtlich waren die Worte, welche der Psychiater zum Fräulein Doctor, das sich als die berüchtigte Zerline entpuppt hatte, sprach. Die empörte Oberwärterin rief ihr ihrerseits zu, die gemeine Katze, welche sich frech in eine Löwenhaut gesteckt, werde ihr noch einst in die Hände fallen, denn der Lohn für die Schlechtigkeiten der schamlosen Komödiantenweibsbilder sei das Spital oder das Irrenhaus. Zerline vermochte bei dieser trostreichen Verheißung einen Schauer nicht zu unterdrücken.
Seitdem besucht die Tragödin kein Irrenhaus mehr, um da den Genius der tragischen Kunst zu suchen.