Gewöhnlich pflegte diese alsdann lächelnd zu entgegnen, daß sie vor dergleichen Bewerbungen hinreichend durch die Unbedeutendheit des Standes sowol als der Person geschützt wäre, und es nur die Vorliebe ihrer Freundin für sie sei, die ihr dergleichen Erinnerungen einflößte.
Fräulein von Ketten wünschte in Stillen, es möchte so sein, denn ihr war die große Zuneigung der Prinzessin für den Grafen nicht entgangen und sie zu sehr überzeugt, daß Sidonie nur als dessen Gemahlin ganz glücklich werden könnte. Eben so wenig war ihr das warme Interesse des Grafen für ihre Freundin verborgen geblieben, wenngleich sie auch seine Zurückhaltung und sein edles, würdiges Benehmen gegen die Prinzessin richtig beurtheilte und nicht nur von ganzem Herzen billigte, sondern auch bewunderte. Dasselbe beruhigte sie in Beziehung auf Sidoniens künftiges Geschick, indem sie sich, durch die beschränkten Verhältnisse des herzoglichen Hofes bestimmt, zugleich der angenehmen Hoffnung hingab, daß Sidonie von den Fürsten in ihrer Abgeschiedenheit nicht aufgesucht werden und daher einst ganz ihrem Herzen würde folgen können.
Es konnte unter den näher bezeichneten Umständen nicht ausbleiben, daß auch sie mit dem Grafen in nähere Beziehungen trat und dieser ihr seine volle freundschaftliche Achtung schenkte, wie sie es verdiente.
In den von Sidonien mit dem Grafen gepflogenen vertraulichen Umgang wurde sie nicht nur durch ihre Stellung, sondern noch viel mehr durch die ihr von der Prinzessin geschenkte Freundschaft gezogen, was dem Grafen durchaus angenehm war, da die herkömmlichen Formen bei Hofe eine solche Theilnahme an demselben durch eine Vertrauensperson erheischten.
Und so geschah es, daß diese drei Menschen, schon durch die Eigenschaften des Geistes und Herzens einander genähert, durch den ungezwungenen und angenehmen Umgang nur noch fester verbunden wurden.
Die Werbung des Prinzen um Sidonie hatte nun das schöne Zusammenleben plötzlich in seinen Grundfesten zerstört, indem ihnen zugleich der Ausspruch des Herzogs jede Hoffnung raubte, es könnte dasselbe jemals wieder in seiner früheren Weise hergestellt werden.
In dem stillen, traulichen Gemach, das so oft ihr fröhliches Geplauder, die ernsten Gespräche vernommen hatte, saßen nun die beiden Freundinnen tief betrübt und rathlos.
Leise tönte Aureliens Zuspruch; sanft streichelte ihre Hand Sidoniens Haupt, das in ihrem Schooß ruhte, während sie zugleich die Thräne zurück zu halten bemüht war, die der Schmerz um ihres Lieblings trauriges Geschick ihrem Auge erpreßte.
Aber mehr als diesen tröstenden und beruhigenden Zuspruch vermochte die Freundin leider nicht zu geben; denn wie durfte sie es wagen, dem Herzog Vorstellungen zu machen, oder ihm gar das Geheimniß von Sidoniens Liebe verrathen, um ihn für deren Wünsche zu gewinnen? — Es wäre um ihre Stellung geschehen gewesen, hätte der Herzog den eigentlichen Grund von Sidoniens Weigerung erfahren, indem man ihr wahrscheinlich den Vorwurf gemacht, die Prinzessin nicht besser behütet oder nicht früher schon die pflichtmäßige Anzeige von deren Zuneigung gemacht zu haben. Ein Aufgeben ihrer Stellung hieß auch, Sidonie der einzigen treuen Freundin, der sie unter den obwaltenden trüben Verhältnissen mehr denn je bedurfte, berauben.
So konnte und mußte sie schweigend mit ihr leiden, und war mit dem ganzen Aufwand ihrer treuen Liebe bedacht, Sidoniens gebrochenes Herz wieder aufzurichten und für das zu bringende Opfer zu kräftigen.