Ihr däuchte das Vernommene ein wüster, erschreckender Traum, der zu einem lieblichen Erwachen führen müßte; denn wie sollte plötzlich der eisige Winter über den blumigen Frühling hereinbrechen können! — Das wäre gegen jedes Gesetz der Natur, gegen die Liebe des Schöpfers, gegen Alles, was auf Erden athmet und sich der Güte eines allliebenden Gottes erfreut, gewesen.

Aber das gehoffte Erwachen blieb ihr fern; die eisige Wirklichkeit wehte hin über ihre liebliche Frühlingsseele und führte sie an ihrer kalten Hand an das dunkle, unheimliche Grab ihrer Liebe und ließ sie in die Tiefe schauen, woselbst jene ruhen sollte, ruhen auf ewige Zeiten, ohne Licht und Leben, ohne Glück und Freude, ohne Blüthen und Frucht. O wie tief, wie unendlich tief trifft der erste große Schmerz des Lebens das unbefangene, unerfahrene Herz, um wie viel tiefer, wenn dieser Schmerz dem heiligsten Gefühl unserer Jugend, der ersten, reinen Liebe gilt! —

Mit Blumen und Kränzen schmücken wir des Jünglings, der Jungfrau Sarg, die wir so früh gegen das Gesetz des Lebens dem Vergehen anheimgaben; die junge Liebe jedoch, die wir vor ihrem Entfalten gleich der gestorbenen Jugend in der still gewordenen Brust zur Ruhe betten müssen, die nimmt das Beste unserer Seele mit, den ganzen blumigen Frühling unseres Lebens! —

So war es mit Sidonien.

Des freudigen, lebensvollen Herzens Jubel war verstummt, das frische, wechselnde Leben darin verschwunden, die Ueberfülle der Genüsse in der Natur und in der eigenen Seele einer stillen, ängstigenden Einsamkeit gewichen, wie es geschieht, wenn wir einen Geliebten aus unseren Räumen zur Gruft getragen haben.

Aber Sidonie entbehrte nicht den Trost und das Mitgefühl einer treuen, aufrichtigen Freundin, an deren Brust sie sich ausweinen und das Geheimniß ihrer Seele aushauchen durfte.

Diese Freundin war Fräulein von Ketten, ihre Gesellschafterin seit Jahr und Tag und gegenwärtig ihre Hofdame. Aurelie war fast um zehn Jahre älter als die Prinzessin, und ausgestattet mit einem gebildeten Geist, einem reinen und edeln Gemüth.

Von dem lieblichen Fürstenkinde sogleich angezogen, verwandelte sich diese Zuneigung bald in die innigste Freundschaft, in die vollste Hingebung an Sidonie, wofür ihr diese eine nicht mindere Zuneigung entgegen brachte.

Aurelie war der Prinzessin nicht nur eine angenehme Gesellschafterin, sondern auch die rathende und belehrende Freundin, der sich Sidonie gern unterwarf, von der Vortrefflichkeit der gegebenen Rathschläge überzeugt.

So war es denn auch geschehen, daß Aurelie der Prinzessin die Wünsche des Herzogs, sie mit einem angesehenen Fürsten dereinst zu vermählen, bisweilen angedeutet hatte, ohne daß es ihr jedoch gelang, Sidonie davon zu überzeugen.