»O nein, o nein! Ich habe Sie ja im Geiste belauscht und Ihnen mein Leid geklagt, und Ihr bleiches Antlitz sagt mir, daß ich darunter nicht allein gelitten habe. O, ich wußte es ja!« fiel Sidonie mit wehmüthigem Ton ein und drückte ihm leise die Hand. »Und was rathen Sie mir, meinem traurigen Geschick zu entkommen?« fragte sie nach kurzem Zögern und hob das treue Auge zu ihm auf. Diese einfache, im Ton des vollsten Vertrauens gesprochene Frage erschütterte den Grafen im Gefühl seiner Machtlosigkeit, ihr helfen zu können, so tief, daß er vergeblich nach einer Antwort rang und erst nach längerer Pause mit leiser Stimme die Worte fand:
»O, wüßten Sie, wie tief und schmerzlich Ihre Frage mich berührt, und um so schmerzlicher, da ich mich unfähig fühle, Ihnen darauf eine befriedigende Antwort geben zu können! O, daß ich es nicht vermag, statt mit Worten, mit der That darauf zu antworten, zerreißt mir die Seele!« —
»So muß ich also dem Willen meines Vaters folgen?« fragte Sidonie rasch und ängstlich in seinem Antlitz forschend.
Die Zustimmung zu dem Unheil der Geliebten und seines eigenen geben zu müssen, rücksichtslos gegen die Stimme des Innern, die sich mit der ganzen Kraft der Liebe, mit dem heißen Wunsch, den Geliebten zu beglücken, in uns erhebt, ist ein Schmerz, dem auch der Stärkste erliegt.
So geschah es auch dem Grafen; er fühlte sich unfähig, das bejahende Wort über die Lippen zu bringen, so sehr er auch überzeugt war, daß es ihm nicht erlassen sein würde. Innig drückte er Sidoniens Hand, während er heftiger athmete und, den Blick von ihr abgewandt, sich bemühte, das letzte, schreckliche Wort auszusprechen, das sie auf immer von ihm trennen mußte.
Aengstlich hing sie an seinem Auge, ängstlicher noch lauschte sie auf seine Antwort, und statt durch sein schmerzliches Schweigen auf seine Zustimmung hingewiesen zu werden, deutete die Unglückliche dies vielmehr als ein Hoffnungszeichen, daß der Freund ein Mittel zu ihrer Rettung besäße, und darum fragte sie hastig:
»Nicht wahr, ich darf es nicht; Sie, Sie werden es nicht zugeben?!«
Leise schüttelte der Graf das Haupt.
»Wie, Sie verneinen das? Sie besitzen kein Mittel zu meiner Rettung?!« rief Sidonie angstvoll, seine Hand fast krampfhaft umfassend.
O, welche unheilvollen, die Seele vernichtenden Augenblicke gingen über diese Menschen hin, über diese Menschen, so edel, so gut und zu dem schönsten Lebensglück berechtigt! Was war der reichste irdische Glanz gegen so schöne herrliche Vorzüge der Seele, und wie wenig vermochten diejenigen deren Werth zu begreifen, die nicht zauderten, sie dem äußeren Prunk und fürstlichem Ansehen zum Opfer zu bringen!