Und dennoch, dennoch, wie oft wiederholt sich Aehnliches im Leben, und dennoch, dennoch, wie oft wird der reine Seelenadel und das ganze Glück des Lebens den äußeren Vortheilen, dem eiteln, leicht verwehenden Schaum eines prunkvollen Daseins hingegeben! Ueberzeugt, daß er Sidonie nicht zu retten vermochte, wollte er sich nicht gewaltsamer Mittel bedienen, die sein Ehrgefühl niemals gebilligt hätte, erkannte der Graf auch die Nothwendigkeit, die ihm durch die Gunst des Zufalls gebotene so günstige Stunde im Interesse Sidoniens benutzen zu müssen.
Er durfte auf eine Wiederkehr derselben nicht hoffen, und so war er entschlossen, das entscheidende Wort zu sprechen, um ihrem Herzen die letzte Täuschung und Hoffnung zu nehmen, damit sie sich ihrem Schicksal geduldig unterwarf. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß seine Worte eine tiefe Wirkung auf sie ausüben würden, und so faßte er sich gewaltsam und entgegnete mit sanfter, liebevoller Stimme:
»Sie haben mich bisher, meine theure Prinzessin, mit dem Namen eines Freundes beehrt, und — ich bin bemüht gewesen, denselben zu verdienen. — Sie wenden sich an diesen Freund um Hilfe. — Wäre ich mächtig genug, Ihnen dieselbe gewähren zu können, ich würde glücklich sein, ja mit Freuden gäbe ich Leben und Gut dahin, könnte ich dadurch Ihren Wunsch befriedigen. — Wie die Verhältnisse liegen, würde mein Wort bei Ihrem Vater machtlos verhallen und müßte Ihre Lage nur noch verschlimmern. — — So bliebe uns nur noch der Weg der Gewalt übrig, und so willig ich mein Leben Ihrem Wohl opfern würde, so wenig vermag ich Ihre und meine Ehre preiszugeben, mit deren Verlust oder Befleckung ein Gewaltact verbunden wäre.« »Ich weiß, Sie stimmen darin mit mir überein und weisen denselben, gleich mir, von sich. In den hellen Jubelton des Glücks würde stets und stets der Mißlaut schmerzender Vorwürfe und befleckter Ehre dringen und uns jenes reinen Genusses berauben, der unserm Charakter eine Nothwendigkeit ist.«
»Nicht wahr, Sidonie, theure Freundin, Sie theilen meine Ansicht?« fragte der Graf.
Statt jeder Antwort neigte Sidonie zustimmend das Haupt und drückte ihm leise die Hand.
Darauf fuhr der Graf mit weniger sicherer Stimme fort:
»So muß der Schritt gethan werden, den Ihr Vater von Ihnen fordert.« —
Die Prinzessin zuckte zusammen und ihr Haupt sank auf die Brust.
Der Graf hatte die obigen Worte fast gewaltsam hervorgepreßt, da es ihm so unendlich schwer wurde, sie auszusprechen, was doch geschehen mußte; nach einigen Augenblicken bemerkte er in gefühlvollem Ton:
»Herzen, die sich wahrhaft lieben, sind auf ewig mit einander vereint, mögen sie auch durch irgend welche Verhältnisse, durch Entfernungen oder die äußere Lebensstellung geschieden sein. So denke ich, meine Freundin, und bin überzeugt, Sie theilen meine Ansicht. O, glauben Sie mir, kein Herz ist unglücklich, das liebt und wieder geliebt wird. Denn begegnen sich in dem Bewußtsein der Gegenliebe nicht die Seelen der Liebenden; führt sie die Erinnerung nicht zu einander und läßt sie an ihren Freuden wie an ihrem Leid Theil nehmen, und ist diese Theilnahme nicht die reinste, höchste und edelste Liebe, die der Mensch für den Menschen hegen kann? — O gewiß, gewiß! Und kann uns dieses kostbare Geschenk des Himmels nicht so Vieles, Vieles ersetzen? Entbehren und Entsagen, das ist unser allgemeines Schicksal, vor welchem auch selbst die goldene Fürstenherrlichkeit nicht schützt, das ist der Grundton des Lebens, eines Lebens, das einen grellen Widerspruch seiner Bedeutung in sich trägt, indem es uns auf seinen unruhigen Wogen in das Meer der Vernichtung führt. — Wo sollen wir da Trost finden, wenn nicht in der Religion der Liebe? — Sie gießt erquickliche Ruhe in das bekümmerte Herz, und die schmerzvolle Thräne der Entsagung trocknet das himmlische Bewußtsein beglückender Gegenliebe.« —