Von seinen Empfindungen übermannt, schwieg der Graf, ohne daß er es wagte, den Blick auf Sidonie zu richten. An dem innigen Druck ihrer Hand erkannte er jedoch ihre Beistimmung zu seinen Worten und fühlte sich dadurch beruhigt.

Da Sidonie schwieg und auf weitere Worte von ihm zu harren schien, so fuhr der Graf fort:

»Jeder große Schmerz erweitert unsern Blick und läßt ihn uns auf das unendliche Weltenleben richten, und indem uns dasselbe verständlicher wird, wird es auch das eigene Leben, gewinnen Lust und Leid eine andere Bedeutung, indem wir uns dem großen Ganzen gegenüber erblicken, das uns nöthigt, verzichtend unsere Wünsche und Forderungen zu beschränken.«

»Wohl weht diese Erkenntniß kältend über unser Herz und fordert unsere ganze Seelenkraft heraus, das Unvermeidliche geduldig zu tragen; die Nothwendigkeit läßt uns jedoch keine Wahl, und glücklich der, der sich schon früh mit ihr bekannt machte und sich ihr unterwarf. Diese Seelenkraft, meine theure Prinzessin, besitzen Sie, ich weiß es, und wenn Sie auch, so ungeahnt herausgefordert, von dem Unvermeidlichen überwältigt wurden, so wird sich dennoch Ihr gebeugter Geist wieder erheben und vor dem Opfer nicht zurückbeben, das die Verhältnisse von Ihnen fordern, und so werden Sie auch in dem erhebenden Bewußtsein, dies dem Glück Ihrer Eltern zu bringen, den schwersten Schritt des Lebens thun. Sie werden ihn thun, erhoben durch die Religion der Liebe.«

Der Graf schwieg, der ungeheuern Anstrengung erliegend, die eine so große Selbstverläugnung von ihm forderte und deren nur ein so kräftiger, willensstarker Charakter, wie der seinige, fähig war. Nur auf Sidoniens Beruhigung bedacht, sie mit Kraft für die nahenden bedeutsamen Stunden zu erfüllen und ihr aus allem Unheil wenigstens den Trost der Liebe zu retten, hatte er sein eigenes Interesse ganz und gar aufgegeben. Nicht der Geliebte mehr, sondern der rathende Freund allein sprach zu ihr. Wie unbedeutend däuchte ihm sein Leid dem ihrigen gegenüber; er hatte sich darauf schon lange vorbereitet, sie war ahnungslos davon betroffen worden und mußte — ein Gedanke, unter welchem sich seine Seele schmerzvoll krümmte — nicht nur ihrem Liebesglück entsagen, sondern obenein einem ungeliebten Manne angehören.

Doch er wehrte diese bedrängenden Gedanken kraftvoll von sich ab, um den gewünschten Zweck zu erreichen; und seine Bemühungen waren nicht vergeblich.

Sidonie hatte seinen Lippen jedes Wort abgelauscht, das tief in ihre Seele drang, und wenn auch ihr heißliebendes Herz nur schwer von der Hoffnung ließ, mit dem Grafen das Glück der Liebe zu theilen, enthielt dennoch der Gedanke, in dieser Liebe mit ihm auf immer vereint zu sein, zu viel Beglückendes, um nicht ihre Seele zu trösten und zu erheben und die Nacht ihrer Schmerzen mit strahlendem Licht zu durchleuchten.

Und je länger der Graf sprach, um so überzeugender wirkten seine Worte auf sie und führten sie zu der Erkenntniß ihres unvermeidlichen Geschicks. Seine Aussprüche waren ihr heilig, doppelt heilig, da ihr eigenes Leid sie seinen Schmerz nicht übersehen ließ und ihre Seele sich dadurch zur vermehrten Achtung und Liebe des Geliebten hingezogen fühlte. Vermochte er so stark und willenskräftig zu sein, so sollte er sich in Bezug auf ihre moralische Kraft nicht getäuscht haben.

Aber, während diese Erwägungen ihre Seele durchflogen, rannen ihre Thränen immer reicher und reicher. Die gefalteten Hände in dem Schooß geborgen, das liebliche Haupt geneigt, saß sie da, demüthig und ruhig, gleich einem Kinde, das sich mit Engelsgeduld in das Verlangte fügt.

Niemand von ihnen sprach ein Wort; eine heilige Stille umgab sie, die Keiner zu unterbrechen wagte.