Nach einer längeren Pause erhob Sidonie das Haupt und schaute den Grafen mit ruhigem, jedoch von Thränen umhülltem Blick an, ergriff seine Hand, drückte sie sanft, indem sie mit leiser Stimme und anscheinend ruhig und fest bemerkte:

»Sei es denn so, wie Sie sagten. Ich weiß, es kann nicht anders sein, da Sie es sagen.«

Sie hatte diese Worte hastig gesprochen und schien denselben noch andere hinzufügen zu wollen; als sie jedoch in das bleiche, schmerzerfüllte Antlitz des Grafen blickte, schwieg sie plötzlich, ihr Auge leuchtete in Liebe, und von der inneren Bewegung übermannt, lehnte sie das Haupt an seine Schulter und weinte.

Der Graf hatte diesen Blick vollster Liebe nur zu wohl verstanden; er hatte errathen, daß das, was ihrem Herzen vorher Leidenschaft und Schmerz abgerungen, das Geständniß ihrer tiefen Liebe, die jungfräuliche Scheu jetzt nur noch in dem Blick zu wiederholen vermochte. In diesem Blick lag das Bekenntniß, ihm ewig, ewig in Liebe angehören zu wollen.

So groß Aureliens Theilnahme auch für die Unglücklichen war, hatte sie dennoch die Vorsicht nicht vergessen, ihre Freunde vor einer Ueberraschung, die unter den obwaltenden Umständen sehr gefährlich werden mußte, zu behüten. Glücklicher Weise nahte sich Niemand, und so gewannen sie Zeit zur Sammlung und konnten sich zur Rückkehr zu der Herzogin, die nun bald erfolgen mußte, vorbereiten. Stets für das Wohl ihrer geliebten Freunde sorglich bedacht, that Aurelie den Vorschlag, sich nach einem von Allen gern besuchten Hügel zu begeben, um unter den laubigen Bäumen daselbst dem bald erfolgenden Sonnenuntergang beizuwohnen.

Sie that diesen Vorschlag in der Absicht, Sidonie zu zerstreuen und den oben bezeichneten Zweck zu erreichen.

Der Graf, Aureliens wohlgemeinte Absicht sogleich errathend, stimmte ihr bei, und auch Sidonie nickte und reichte ihm willig den Arm und ließ sich von ihm dahin führen.

Sie hing sich fest an ihn, als ahnte sie, daß es das letzte Mal war, in so inniger Verbindung und Hingabe mit ihm zu leben.

Langsam und schweigend schritten sie dahin, während Aurelie sich bemühte, ihre Sinne und Gedanken auf die Gegenstände außer ihnen zu lenken, jedoch mit nur geringem Erfolg, wie das eben nicht anders sein konnte.

Oft und oft blieb Sidonie stehen und es schien, als ob sie sprechen wollte; doch that sie es nicht, sondern schaute den Grafen nur an und schritt dann still und langsam weiter.