So gelangten sie endlich zu dem Hügel und zwar in dem Augenblick, als die Sonne sich neigte. O, war dieses Scheiden nicht ein Bild ihres Liebesglücks! Es war es und war es doch auch nicht; denn die Sonne kehrte bald in erhöhtem Glanz zurück, während das Gestirn ihres Glücks auf immer in dem düstern Gewölk der Entsagung unterging. Sie empfanden das nur zu wohl, und der schmerzvolle Blick, den sie mit einander austauschten, verkündete ihr Einverständniß. Die Etikette verlangte, noch vor dem völligen Eintreten der Dunkelheit in das Schloß zurück zu kehren, und, von Aurelien daran erinnert, erhob sich Sidonie seufzend. Langsam schritten sie dem Schloß zu, während nur wenige Worte gewechselt wurden.
In der Nähe des ersteren angelangt, blieb Sidonie stehen, schaute den Grafen liebevoll an und bemerkte:
»Ich sprach vor Ihrer Ankunft gegen Aurelie einen lebhaften Wunsch aus, dessen Erfüllung von Ihnen abhängt; o, weisen Sie meine Bitte nicht zurück!«
»Wie sollte ich, meine theure Freundin?! Beglückt mich doch der Gedanke so innig, Ihnen einen Wunsch erfüllen zu können!« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut.
Sidonie drückte ihm die Hand und bemerkte mit bewegter, leiser Stimme:
»Wohl leben die Bilder unserer Lieben in der Seele fort und fort, von der Liebe gehegt und gepflegt; aber ich glaube, die Erinnerung allein genügt dem Herzen nicht, und mich beängstet die Furcht, die Zeit und veränderte Lebensverhältnisse könnten die ersteren leicht schwächen, ja vielleicht sogar verwischen, so daß die lieben Bilder uns am Ende ganz aus der Seele scheiden. — O, wie schrecklich müßte das sein! Wie muß es uns daher trösten und beglücken, unser Auge auf das Bild treuer Freunde richten und das Herz an den wohlbekannten und geliebten Zügen erfreuen zu können. — Meinen Sie nicht auch?« — endete sie, indem sie ihn, sanft erröthend, anschaute.
Der Graf hatte sie nur zu wohl verstanden und beeilte sich zu entgegnen:
»Gewiß, gewiß, und gesegnet sei die Kunst, der wir diesen Trost und die Freude verdanken, durch süße Täuschung die entbehrte Wirklichkeit ersetzen zu können!«
»O, wie sehr freue ich mich darauf!« lispelte Sidonie.
»Und darf ich diese Freude theilen?« fragte der Graf mit Betonung, ihre Hand drückend.