Schweigend und gedankenvoll hatte die Prinzessin eine kurze Zeit hingebracht, als sich aus ihren tiefblauen Augen Thräne auf Thräne drängte, die langsam über die bleichen Wangen hinabrollten, ohne daß sie es zu fühlen schien, während sich zugleich der Ausdruck tiefen Seelenleidens in ihrem schönen, jugendlichen Antlitz geltend machte. Dieses Leid schien alle ihre Empfindungen und Gedanken gefesselt zu haben, so daß sie die goldene Herrlichkeit des Morgens nicht gewahrte. O, wie tief, wie unendlich tief mußte sie leiden, da ihr die Natur kein Interesse abzugewinnen vermochte, die mit einer Ueberfülle von Reizen ausgestattete Natur, die sie so sehr liebte! — Wie rührend war ihr feines, bleiches Antlitz anzuschauen, das, mit Jugendschönheit geschmückt, die Spuren eines langen, schmerzlichen Kummers trug, der so früh über sie hereingebrochen war und die reizende Frühlingsblume mit seinem winterlichen Reif berührt hatte.

Die in dem Palais herrschende Stille wurde durch keinen Laut unterbrochen; auch befand sich außer Sidonien Niemand in dem Gemach, so daß sie durch nichts in der Hingabe an ihr Leid gestört wurde.

Länger denn eine halbe Stunde mochte sie also hingebracht haben, als sie das feine Spitzentuch gegen die feuchten Augen drückte und alsdann voll der tiefsten Innigkeit ein Medaillon betrachtete, das sie so lange in der Hand verborgen gehalten hatte. Sie versenkte sich in dessen Anblick und bedeckte es mit Küssen, nachdem sie sich vergewissert hatte, nicht belauscht zu sein. Eine feine Röthe färbte dabei ihre blasse Wange, das Auge erhielt einen matten Glanz, und den feinen, lieblichen Mund umspielte ein süßes Lächeln, ein Lächeln, wie innige Liebe lächelt in stillem Glück und dem Angedenken des mit der ganzen Seele umfaßten Geliebten. O, wer sie hätte erlauschen können diese nur von der Seele gesprochenen Dichtungen innigster Liebe! Wie süß, wie köstlich mußten sie sein! Aber das Leid in ihrer Brust schien größer als das Glück der Erinnerung zu sein, denn in die dem Medaillon geschenkten Küsse drängte sich bald und immer rascher und heißer die Thräne; schon versiegt, entquoll sie auf’s Neue dem Auge.

Ein Geräusch in dem Nebengemach schreckte sie auf; rasch glitt das Medaillon in den Busen. Scheu und argwöhnisch blickte sie auf; hastig fuhr sie mit dem Tuch über Augen und Antlitz, lauschte einige Augenblicke, erhob sich alsdann und lehnte sich aus dem Fenster, um an der Morgenluft die gerötheten Augen zu erfrischen und die verrätherischen Spuren des Weinens zu verbergen.

In solcher Weise hatte sie eine kurze Zeit hingebracht, ohne daß jedoch irgend Jemand erschien; dadurch beruhigt, gab sie sich wieder ihrem Nachdenken hin, ohne daß sie jedoch das Medaillon auf’s Neue zu betrachten wagte, obwol die Hand mehrmals darnach langte und im Begriff war, dasselbe hervorzuziehen.

Sie bezwang jedoch ihr Verlangen, wahrscheinlich durch besondere Umstände dazu veranlaßt; doch ließ sie die Hand auf dem Busen ruhen, um sich in solcher Weise wenigstens der Gegenwart des Bildes zu erfreuen. Ihre Vorsicht zeigte sich bald als durchaus begründet; denn unhörbar und von ihr unbemerkt trat, einen Seidenshawl in der Hand, eine bereits bejahrte Frau ein, nahte ihr und bemerkte:

»Wollten Hoheit sich nicht des Shawls bedienen? Die Morgenluft ist feucht und kühl, und Hoheit sind so leicht gekleidet und haben sich meiner beim Ankleiden wieder nicht bedient.«

»Warum sollte ich Dich stören, liebe Marion? Ein Morgenkleid ist bald angethan auch ohne Hilfe, und — Du kennst mich darin,« entgegnete Sidonie in herzlichem Ton, indem sie sich den Shawl umlegen ließ.

»Ich weiß nur zu gut, wie gnädig Eure Hoheit gegen Jedermann, zumal gegen mich, sind; aber ich bitte, schonen Sie mich nicht, wenn es gilt, Hoheit vor Schaden zu bewahren.«

»Gut, gut, Marion. Mache Dir keine übeln Gedanken. Es schadet mir weder Wind noch Wetter; ich habe meinen Körper, wie Du weißt, in der Kindheit nicht verweichlicht, und daher erträgt er wol leicht ein wenig frische Luft, die mir heute ganz besonders zusagt.«