»Eben heute, Hoheit, dürfen Sie am wenigsten unpaß werden, heute, wo Sie so Viele zu empfangen haben und sich nicht wenig anstrengen müssen.«
»Fürchte nichts, liebe Marion. Ich werde gesund und kräftig sein und das Meinige thun. Und der Tag wird rasch vergehen, vergehen — wie alle anderen.«
Theilnehmend, doch schweigend schaute Marion zu ihrer Herrin auf; sie hatte ihre geliebte Prinzessin seit deren Jugend gehütet, hatte sie zur Jungfrau erblühen sehen und sie immer bedient. Mit fast mütterlicher Liebe hing sie an ihr, deren Güte und Freundlichkeit sie stets genossen, und so war sie hocherfreut, als sie dieselbe an den fremden Hof begleiten und in deren Diensten bleiben durfte.
»Ist Fräulein von Ketten schon auf?« fragte Sidonie nach kurzem Schweigen.
»Ich vermuthe; wenigstens bemerkte ich, daß das Fenster ihres Schlafzimmers geöffnet ist, ein Zeichen, daß das Fräulein das Bett verlassen hat.«
»So wird es sein; denn Aurelie weiß, daß ich sie heute früher als gewöhnlich erwarte.«
»Da ist das Fräulein schon!« fiel Marion in diesem Augenblick erfreut ein, als sich die Außenthür öffnete und die genannte Dame eintrat.
»So komme ich also doch schon zu spät!« rief diese, indem sie, sich nahend, hinzufügte: »Es war meine Absicht, Hoheit in diesem Zimmer zu überraschen, und nun erkenne ich bedauernd, daß ich doch nicht früh genug aufgestanden bin. Hoheit sind mir in dieser Beziehung zuvor gekommen.«
»Ihr Besuch, liebste Ketten, ist mir darum nicht minder angenehm und ich danke Ihnen herzlich dafür,« entgegnete Sidonie mit sichtlicher Bewegung, streckte dem Fräulein die Hände entgegen und zog, als sich in diesem Augenblick die Thür hinter der sich entfernenden Marion geschlossen hatte, Aurelie heftig und mit ausbrechenden Thränen in die Arme. Innig und fest drückte diese die Prinzessin an die Brust, und obgleich Aurelie bemüht war, Fassung und Ruhe zu bewahren, füllten sich auch ihre Augen mit Thränen.
Schweigend hielten sich die beiden Frauen einige Augenblicke umschlungen; alsdann erhob Aurelie das Haupt und blickte die Prinzessin voll und innig an, indem sie mit gedämpfter Stimme bemerkte: