»Nun, was sagst Du zu dem Mädchen?« fragte die Erstere, den Sohn mit Befriedigung anblickend.
»Sie ist reizend,« entgegnete dieser.
»Das ist sie in der That; aber sie besitzt nicht nur einen schönen Körper, sondern auch einen lebhaften Geist, ist klug und weiß gewandt zu antworten, wie ich mich überzeugt habe. Ebenso bin ich gewiß, daß sie sich unter einer geschickten Leitung eben so rasch als vortrefflich und ohne ihre Eigenthümlichkeit einzubüßen, entwickeln wird.«
»Ich stimme Ihnen durchaus bei, meine Mutter; denn mir däucht, in diesem Mädchen schlummern die verschiedensten Anlagen, die je nach den besonderen Verhältnissen zur Geltung gelangen müssen.« »Du täuschest Dich nicht. Das Verlangen nach einem bewegten Leben, nach glänzendem Putz sind zugleich mit dem lebhaften Wunsch in ihr vereint, sich geltend zu machen und ihrer Eitelkeit geschmeichelt zu sehen. Aus Alledem dürfen wir mit Sicherheit schließen, daß sie gern bereit sein wird, sich den an sie gestellten Forderungen anzubequemen, sobald sie dadurch die Befriedigungen ihres Verlangens zu erzielen vermag. Denn sie ist viel zu eitel und zu klug, um durch Tugendscrupel belästigt zu werden.«
»Ich glaube Sie zu verstehen, meine Mutter; Sie haben dabei an den Prinzen gedacht,« fiel der Baron ein.
»So ist es. Und warum sollte es nicht sein? Der Wechsel sagt dem Prinzen zu, der besondere Gegensatz vielleicht in diesem Augenblick mehr denn sonst. Warum sollte ihm eine solche wilde Waldtaube nicht gefallen, nachdem er sich an so vielem zahmen Geflügel übersättigte? — Doch das ist nur eine Vermuthung, ohne daß ich eine förmliche Absicht mit Marianen und dem Prinzen verbinde. Lass’ uns abwarten. Sollte ihm die Lieben etwa nicht gefallen, so dürfte uns dieses eigenthümliche Mädchen vielleicht doch noch in unserm Sinne dienen können, besonders wenn die Sache geschickt angefaßt wird. Es ist das ein Gedanke, der in mir durch die Verhältnisse erweckt worden ist.«
Also sprach die in dergleichen Intriguen sehr geschickte Baronin, und ihr Sohn, damit bekannt, fand es nicht für gut, seiner Mutter zu widersprechen, da er ihrer Klugheit durchaus vertraute. Freilich sagte er sich, daß Marianens niedere Herkunft zu einer dauernden Liaison mit dem Prinzen wenig geeignet sei; aber es kam im schlimmsten Fall auch nicht darauf, sondern lediglich auf die augenblickliche Zerstreuung des Prinzen an, und dazu schien ihm das reizende Mädchen sehr geeignet.
Der Baron trennte sich mit dem Versprechen von seiner Mutter, den Prinzen in den nächsten Tagen zu einem Besuch bei ihr einzuladen, damit er das Fräulein von Lieben kennen lernte.
Der Prinz hielt sich bisher sehr viel in seinen Gemächern auf, woselbst er Musik trieb, viel schlief, mit seinen Hunden, deren er mehre um sich hatte, spielte und sich von Henry, der jetzt eine sehr wichtige Person war, frivole Geschichten erzählen ließ. Außer Mühlfels gewährte der Prinz nur wenig anderen Personen noch den Zutritt und zwar solchen, für welche er ein gewisses Wohlgefallen hegte oder die ihm im Augenblick Zerstreuung verschafften. Nur selten fuhr er aus, noch seltener begab er sich zu dem Fürsten, wenn ihn dieser nicht besonders zu sich einladen ließ.
Sidonie floh er geradezu, wenigstens vermied er es, ihr irgend wo zu begegnen. Ebenso zeigte er kein Verlangen nach seiner Tochter und sah dieselbe nur höchstens zufällig und aus der Ferne. Das liebliche Kind erregte nicht die geringsten zärtlichsten Gefühle in ihm und er schien sich von dem Gedanken, der Vater desselben zu sein, ganz entfremdet zu haben. Sidonie wurde, wie das eben nicht ausbleiben konnte, mit des Prinzen Zustand bekannt gemacht; sie konnte ihn nur bedauern; denn sich ihm zu nahen, wäre ihr unmöglich gewesen, nachdem sie erkannt, daß des Fürsten Ermahnungen durchaus fruchtlos geblieben waren und der Prinz sich nicht bequemte, irgend etwas zur Aussöhnung mit ihr zu thun.