»Sie thaten nicht recht daran, und ich gestehe Ihnen, es würde mich gerade in diesem Augenblick gefreut haben, hätten Sie dem Fürsten die Schwäche der Prinzessin enthüllt, die er noch immer für tugendhaft hält. Doch, er soll das von mir erfahren; ich spreche ihn morgen und will ihm Ihr Bekenntniß mittheilen. Wagte Sidonie sich über Mariane zu beschweren, so bietet mir dies ein erwünschtes Mittel, sie in dem rechten Licht zu zeigen. Ich sage Ihnen, Ihre Mittheilung kommt mir sehr gelegen.« —
»Und wollen Hoheit so gnädig sein, mir zu verzeihen, wenn ich das Entgegenkommen der Prinzessin annahm?« fragte Mühlfels demüthig.
»Ach, lassen Sie die Bagatelle!« fiel der Prinz geringschätzig ein. »Ich würde die Prinzessin in keiner Weise in ihren Passionen belästigt haben, hätte sie mich nicht durch die Anklage beim Fürsten heraus gefordert. Ich will doch sehen, wer mehr bei dem Fürsten gilt, sie oder ich. Die Tugend an sich ist lächerlich; die geheuchelte jedoch mehr als das. Sie sollen nicht fort, Mühlfels; Sie sollen und müssen bleiben; denn ich bedarf Ihrer gerade jetzt am nöthigsten. Die Prinzessin soll sich in ihren Erwartungen arg getäuscht sehen. Wie konnte sie es wagen, unter solchen Umständen meinen Freund anzuklagen und mich seiner zu berauben, lediglich um sich den guten Schein zu retten. Ich merke, sie hat dabei auf Ihre Gutmüthigkeit gerechnet; es soll ihr jedoch nichts helfen. Ihre gute Absicht muß von dem Fürsten anerkannt werden; ich werde dafür sorgen. Im Uebrigen, Mühlfels, bleiben wir die alten Freunde. — Ich hoffe, auch die Angelegenheit mit Marianen wird sich nach Wunsch erledigen lassen. Ich habe keine Lust, der Prinzessin zu weichen; ich ahne, was sie verlangt; aber wahrlich, Sie soll ihren Willen nicht haben!«
In solcher Weise sprach der Prinz, und wir erkennen daraus, wie leicht seine Abneigung gegen die Prinzessin ihn verleitete, den Einflüsterungen seines Günstlings Gehör zu schenken. Ueberdies kam ihm, wie wir erfahren haben, Mühlfels’ Geständniß sehr gelegen, da er dasselbe in seinem eigenen Interesse benutzen konnte. Ob dasselbe begründet war, ob ihn der Baron absichtlich täuschte, wie es der Fall war, um der Ungnade des Fürsten zu entgehen, fiel ihm nicht ein zu untersuchen. Eben so wenig sah er sich veranlaßt, zu überlegen, daß bei dem fleckenlosen Charakter der Prinzessin die Aussage des Barons wenig Glauben verdiente. An sittliche Tugend glaubte er nicht, jedoch an die Schwäche und Sittenlosigkeit der Frauen, und dieser Glaube behielt auch in diesem Fall um so mehr die Oberhand, da er die Prinzessin schuldig wissen wollte.
Mühlfels mußte ihm den Abend über Gesellschaft leisten, und er fand dabei hinreichende Gelegenheit, die bekannten Angelegenheiten vielfach zu besprechen und sich durch seinen Günstling in seinen Vorsätzen noch mehr befestigen zu lassen.
Mit den besten Hoffnungen erfüllt, schied der Baron von ihm, in hohem Grade beglückt, daß sein kühnes Mittel so gute Wirkungen ausgeübt hatte. Er freute sich, auf den glücklichen Gedanken gerathen zu sein, sich als das Opfer zu bezeichnen, das er der Ehre der Prinzessin gebracht hatte. Die sowol von dem Prinzen als dem Fürsten gehegten Vorurtheile kamen ihm dabei sehr zu statten, denn sie ließen ihn hoffen, daß man seinen Worten Glauben schenken würde. Und den Prinzen zu überzeugen, war ihm bereits gelungen. Ueberdies hatte er dem Fürsten ähnliche Andeutungen gemacht und ebenso gegen Boisière nichts Bestimmtes ausgesprochen; wenn er nun die Kühnheit besaß, dem Gemahl der Prinzessin selbst deren Schwächen und seine dadurch erregten Hoffnungen zu gestehen, so lag in diesem bedeutsamen Umstande ein gewichtiger Beweis für seine Schuldlosigkeit, indem zugleich alle Schuld auf Sidonie zurück fiel. Gelang ihm das Letztere, so war er auch von der Zurücknahme des fürstlichen Befehls überzeugt.
Wie gewöhnlich vertraute er seine Besorgnisse und Hoffnungen seiner Mutter an, die nicht wenig überrascht war, den lieben Sohn in einer so übeln Lage zu wissen. Sie stimmte jedoch seinen Voraussetzungen bei und tröstete sich mit ihm in der Gewißheit von dem großen Einfluß des Prinzen auf den Fürsten.
Sie sollten bald erfahren, wie sehr sie sich in dieser Beziehung täuschten.
Der Prinz begab sich an dem nächsten Tage zu dem Fürsten, um die bekannten Angelegenheiten zu besprechen, und unterließ nicht, das Interesse seines Günstlings mit aller Wärme zu vertreten.
Mit großer Aufmerksamkeit hörte ihn der Fürst an und schritt, nachdem der Prinz seine Mittheilung geendet hatte, einigemal schweigend und gedankenvoll durch das Gemach.