»Und Du glaubst den Worten des Barons?« fragte er, indem er vor dem Prinzen stehen blieb und ihn fragend anschaute.
»Ich habe keinen Grund zum Gegentheil, und kenne den Baron überdies zu genau, um an der Wahrheit seiner Mittheilung zu zweifeln.« —
»Du hegst eine natürliche Vorliebe für ihn, da er Dein besonderes Vertrauen besitzt; diese Vorliebe täuscht Dich jedoch dieses Mal und Du übersiehst, daß die Prinzessin, fühlte sie sich schuldig, anders gehandelt haben würde. Ich sage Dir, ein solch’ stolzes, freies Wesen, wie sie, zeigt keine Schuldige, und der Baron hat das Aeußerste gewagt, um sich von der Strafe zu befreien. Ich kenne die Menschen genügend, um nicht zu wissen, daß ein Mann, wie der Baron, in einem Fall, in welchem seine Ehre auf dem Spiel steht, sich nicht in solcher Weise opfert. Das ist lediglich ein Kunstgriff von ihm, der ihm jedoch nichts helfen soll. Ihn verleitete seine Eitelkeit zu der Täuschung; ich bin davon durchaus überzeugt. Er wollte sich mir gefällig zeigen, um Nutzen daraus zu schöpfen. Ich gebe zu, daß ihm die Prinzessin ein gewisses Wohlwollen schenkte; das ist jedoch nichts Besonderes. Sollte er darin eine Berechtigung zu so bedeutsamen Hoffnungen gefunden haben, so ist das seine Schuld, und darum muß er büßen. Ich wie Du sind es der Prinzessin schuldig, und so soll die Sache ihren Gang haben.« —
Der Prinz wurde durch diesen festen Bescheid seines Oheims in hohem Grade verstimmt und bemühte sich auf das äußerste, den Baron von der Strafe zu befreien; indessen vergebens. Der Fürst beharrte auf seinem Entschluß und schnitt seine weiteren Bemühungen mit dem Bemerken ab, daß eine viel wichtigere Veranlassung ihn bestimmt habe, den Prinzen zu sich bitten zu lassen, und er daher des Barons Sache als abgethan betrachte. Alsdann fragte er ihn, durch welche Umstände Mariane veranlaßt worden sei, sich in das Schauspiel zu drängen.
Der Prinz fand es für gut, dem Fürsten das Nähere darüber zu verschweigen, indem er seinen Liebling durch die demselben beiwohnende Unerfahrenheit zu entschuldigen bedacht war und zugleich die Versicherung aussprach, nicht die geringste Kenntniß von dem Besuch gehabt zu haben.
Auch jetzt hörte ihn der Fürst ruhig und aufmerksam an und entgegnete alsdann mit Strenge:
»Nicht das Mädchen, sondern Sie trifft die Schuld, wenn so etwas geschehen konnte; daß es geschah, ist ein Zeichen, wie wenig Respect das Mädchen für Sie hat. So weit durften Sie es jedoch nicht kommen lassen. Wir haben Ihre Liaisons, sobald sich dieselben in den erforderlichen Grenzen hielten, schweigend geduldet; wir finden uns jedoch nach dem Erfahrenen veranlaßt, Sie dem Einfluß dieses jedenfalls sehr listigen Mädchens zu entziehen, vor Allem jedoch der Prinzessin für die erfahrene Scene dadurch eine Genugthuung zu verschaffen; und so befehlen wir Ihnen, das Mädchen sofort zum Verlassen der Stadt zu veranlassen. Ich weiß, daß die Prinzessin nichts Geringeres erwartet, und eine solche Forderung kann nur billig genannt werden. Ueberdies bin ich das auch mir und dem Hofe schuldig. Sie werden sich also mit dem Mädchen arrangiren. Uebrigens dürfte diese niedrige Person zu einer Liaison mit einem Prinzen sehr wenig geeignet sein; Sie tragen daher selbst die Schuld, wenn man darüber spottet und Ihren guten Geschmack in Zweifel zieht. Des Mädchens freches Eindringen in die gute Gesellschaft hat nun den schlagendsten Beweis geliefert, daß der Spott nur gerecht war, und so werden Sie wissen, was Sie zu thun haben.« —
Der Fürst schwieg und trat an das Fenster, durch welches er auf den Garten blickte.
Bebend vor zorniger Erregung, die des Oheims Strenge und Beschluß in ihm erzeugt hatte, und zu einer Erwiderung unfähig, stand der Prinz da. Schon durch die verweigerte Gnade hinsichts des Barons erbittert, steigerte die Bestimmung über Mariane seinen Zorn in hohem Grade. Derselbe drohte ihn zu übermannen und er beherrschte ihn nur mühsam.
»Und ist das Ihr unumstößlicher Beschluß?!« preßte er endlich hervor.