Während sie sich mit den Thieren unterhielt, Fragen an sie richtete, ob sie ihnen gefalle, und sich in solcher Weise die Zeit verkürzte, war Madame Voisin nach dem Speisezimmer gegangen, um noch allerlei Anordnungen zu dem Diner zu treffen. Ein gedankenvoller Zug machte sich dabei in ihrem Antlitz geltend, der durch Marianens Verhalten gegen sie hervor gerufen worden war.
»Ja, ja,« dachte sie, »ich habe mich in meinen Erwartungen hinsichts dieses Mädchens nicht getäuscht. Ihre heutigen Worte und ihr befehlendes Benehmen, das sie mit dem fürstlichen Anzuge angenommen, beweisen mir das. Wol hat sie Recht; sie ist schöner als alle Anderen; daß sie dies jedoch erkannt hat, darin liegt eben ihre Macht, und ich würde mich wundern, sollte sie nicht einen gewichtigen Einfluß auf den Prinzen — den künftigen Regenten! — gewinnen. Ich muß diese Umstände wohl beachten; denn wer kann wissen, zu welchem Ende diese Liebschaft führt. Ja, ja, sie ist reizend, und mir däucht fast, sie ist noch klüger als schön; denn wie sehr hat sie sich in den wenigen Monaten ihres Hierseins schon geändert, und wie vortrefflich versteht sie es, den Prinzen zu behandeln, daß er sich nur bei ihr glücklich fühlt und darüber Frau und Kind und alle Staatsgeschäfte vergißt.« —
Also bedachte Madame Voisin die Verhältnisse, und nach dem Erfahrenen dürfen wir ihr nur beipflichten. Mariane beherrschte in der That schon den Prinzen, ohne daß sie und dieser selbst eine Ahnung davon hatten.
Sie hatte sich mit überraschender Schnelligkeit in die ihr durchaus neuen Verhältnisse zu schicken gewußt, nicht minder schnell hatte sie die Scheu vor der Hoheit abgelegt und sich bemüht, dieser die Wünsche und Schwächen abzulauschen und ihr in der angenehmsten Weise entgegen zu kommen.
Ihr lebhaftes Naturell, ihr Witz und Verstand leisteten ihr dabei wesentliche Hilfe, und gleich einer Scheherezade wußte sie den Prinzen durch allerlei Nichtigkeiten so angenehm zu unterhalten, daß ihm die Zeit bei ihr wie im Fluge dahin zu eilen schien.
Was den Prinzen jedoch ganz besonders an sie fesselte, war ihre Wißbegier, wodurch sie ihn stets herausforderte und die ihn veranlaßte, sie über tausend Dinge aufzuklären. Ihre ungewöhnliche Fassungskraft und die lebhafte Phantasie, die unaufhörlich neue Gedanken und Erfindungen in ihr erzeugte, waren der reiche Quell, aus denen sie die Stoffe der Unterhaltung schöpfte und wodurch sie zugleich des Prinzen Bemühen um sie angenehm machte. Sie gab geistig fast mehr, als sie empfing, und verhütete dadurch jede Anstrengung, die der Prinz nicht liebte, und traf also ganz des Letzteren Geschmack.
An die Waldeinsamkeit gewöhnt und von einem verschwenderischen Luxus umgeben, der ihr ganz neue Genüsse gewährte; durch Spazierfahrten mit Madame Voisin und den näher bezeichneten Zeitvertreib mit ihren Lieblingen ergötzt, fühlte sie sich befriedigt. Der Unterricht im Gesang und der Musik und des Prinzen Besuche trugen dazu gleichfalls nicht unwesentlich bei, indem sie sich dabei sehr gut unterhielt. Dies war dem Prinzen aus den bekannten Gründen sehr erwünscht und um so inniger gab er sich dem Mädchen hin, das ihn mit jedem neuen Tage mehr an sich fesselte. Zugleich war er bemüht, das Geheimniß seiner Liebe zu bewahren, welches seinen Genüssen einen eben so neuen, als eigenthümlichen Reiz verlieh. So wird es denn auch nicht überraschen, ihn, tief in einen Mantel gehüllt, nach dem Ufer des Sees fahren und an einer bestimmten Stelle aussteigen zu sehen.
Während der Wagen zurückkehrte, schlug der Prinz einen nach dem Seeufer führenden Pfad ein. Daselbst angelangt, wurde er von zwei Männern empfangen, die seiner mit einer bedeckten Gondel harrten. Nach einem leichten Kopfnicken begab sich der Prinz in das Fahrzeug, das, durch die Ruder der Leute rasch fortbewegt, bald über den See geräuschlos dahin glitt.
Nach kurzer Zeit erreichten sie das entgegengesetzte Ufer, woselbst die Gondel an dem zu der Villa gehörigen Garten hielt, der hier bis in den See lief. Kaum landete das Boot, so verließ der Prinz dasselbe und ging rasch durch die einsamen Gänge nach dem Hause.
Weder hier noch am Landeplatz wurde er von irgend Jemand empfangen. Er hatte das also bestimmt, und wir erkennen, wie sehr er bedacht war, jede Wichtigkeit von sich abzuweisen. Den Schiffern und Dienern in der Villa war auf das strengste anbefohlen worden, dem Prinzen nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken und sich um sein Kommen und Gehen durchaus nicht weiter zu kümmern. In solcher Weise bemühte sich der Prinz, den idyllischen Charakter dieses Verhältnisses zu bewahren, und indem man ihm dabei von allen Seiten entgegen kam, konnte es nicht fehlen, daß er in der That von dem tiefen Geheimniß seiner Liebe überzeugt war, obwol man, wie wir erfahren haben, dasselbe längst verrathen hatte.