»Nicht im geringsten; sie begegnete ihm wie ihren anderen Gästen freundlich, aber ein wenig förmlich, wie das ihre Art ist.«
»Und der Graf?«
»Schien sich wenig um Sidonie zu kümmern und unterhielt sich viel mit den Künstlern und Gelehrten. Sie scheinen, liebe Mutter, den Grafen für bedeutender zu halten, als er ist, und sogar zu vermuthen, die Prinzessin könnte sich für ihn interessiren. Ich habe Ihnen schon früher gesagt, daß sich des Grafen ernstes, abgeschlossenes Wesen wenig zur Liebe eignet, am wenigsten zärtliche Neigungen zu erwecken befähigt erscheint. Er ist ein Wissenschaftsmensch und wird, wie man mir sagte, sich nächstens wieder auf eine längere Reise begeben. Alle diese Umstände verneinen daher Ihre etwaigen Voraussetzungen.«
»Es könnte sein; Du wirst es jedoch natürlich finden, daß bei dem Mangel an geeigneten Persönlichkeiten mir der Graf nicht gleichgiltig erscheint. Die Prinzessin interessirt sich bekanntlich für die Wissenschaften; ein Grund, sie dem Grafen zu nähern. Denn wie ich vernahm, soll Römer auch außer den gewöhnlichen Gesellschaften bei der Prinzessin gewesen sein; ein Zeichen, daß ihr diese Besuche wünschenswerth und angenehm sind.«
»So wird es sein, doch dürfte man daraus noch nicht auf ein persönliches Interesse schließen dürfen,« fiel Mühlfels ein.
»Sei dem, wie ihm wolle; immerhin könnte es nicht schaden, den Grafen fortan ein wenig zu beobachten. Thue das also, mein Sohn; ich werde nicht ermangeln, ein Gleiches zu thun und zugleich bedacht sein, dabei meine vertrauten und geheimen Quellen zu benutzen. Du weißt, mein Sohn, die Verstellungskunst ist an unserm Hofe sehr ausgebildet; sollte es denn geschehen sein, daß dieselbe auf die Prinzessin ganz ohne Wirkung geblieben wäre? Ich zweifle daran, und eben weil ich dies thue, erscheinen mir auch ganz harmlose Personen nicht bedeutungslos, wenigstens dürfen sie das für uns nicht sein. Ich denke, dies wird nicht ohne Einfluß auf Dein künftiges Benehmen und Handeln sein.«
Hiermit schloß die Baronin ihre Betrachtungen und war erfreut, in dem Kopfnicken ihres Sohnes die Beistimmung zu denselben zu finden. Mutter und Sohn trennten sich alsdann, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.
Die Baronin kannte ihr Geschlecht zu wohl, um nicht zu wissen, wie groß dessen Verstellungskunst wäre, selbst bei Frauen, deren Charakter nicht gehaltlos genannt werden durfte. Sie urtheilte daher nach ihren Erfahrungen und hegte überdies hinsichts des Grafen ganz andere Ansichten als ihr Sohn. Sie fand Römer interessant, sein Benehmen sehr geeignet, den Frauen zu gefallen, indem ihn sein würdiges und männliches Wesen weit über seine Umgebung empor hob. Diese Ansicht hatte sie bereits bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Grafen bei der Prinzessin gewonnen. Sagte ihr auch ihre Muttereitelkeit, daß ihr Sohn hübscher und sein Benehmen Liebe erweckender als das des Grafen sei, so wußte sie doch auch, daß jede Frau ihrer besondern Vorliebe huldigt und man daher in Bezug auf die Neigung derselben sehr leicht getäuscht werden könnte.
Ihr erschien daher der Graf der genaueren Beobachtung wol werth, und sie nahm sich vor, diese nicht zu unterlassen, sobald sich ihr die Gelegenheit dazu bieten sollte.
Anders war es mit Mühlfels. Er war überzeugt, daß seine Bemühungen in dieser Beziehung durchaus fruchtlos sein würden, und lächelte über die Vorurtheile seiner Mutter. Ueberdies hatte ihn die stattgefundene Unterredung auf einen ganz neuen Gedanken geführt. Er überlegte nämlich, daß, wenn Sidonie wirklich eine geheime Liebe hegte, damit doch noch nicht die Nothwendigkeit gegeben war, daß sich der Gegenstand derselben auch am Hofe und in ihrer nächsten Umgebung befinden müsse.